„Kirche in Not“ mahnt: „Menschen in der Ukraine nicht vergessen“
Trotz der weltweiten Aufmerksamkeit für den Krieg im Nahen Osten und den wirtschaftlichen Auswirkungen in Europa darf das Leid der Menschen in der Ukraine nicht aus dem Blick geraten. Darauf hat das internationale katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ (ACN) anlässlich der Tagung des Europäischen Rats in Brüssel am 19. und 20. März hingewiesen.
„Auch wenn es nicht mehr die Hauptschlagzeilen prägt: Das Leiden und Sterben in der Ukraine geht mit unverminderter Brutalität weiter“, sagte der Geschäftsführer von „Kirche in Not“ Deutschland, Florian Ripka. Das Hilfswerk arbeite seit über fünf Jahrzehnten mit Diözesen, Klöstern und Pfarreien in der Ukraine zusammen. „Die Menschen haben Angst, dass ihr Schicksal vergessen wird. Das darf nicht geschehen.“
Umfassende Hilfe für Leib und Seele
Seit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 hat „Kirche in Not“ mehr 1256 Projekte in der Ukraine mit über 30 Millionen Euro unterstützt. Die Hilfe von „Kirche in Not“ reicht von akuter Nothilfe für Flüchtlinge bis zu langfristigen pastoralen Projekten. Im Mittelpunkt stehen vor allem Bau- und Reparaturmaßnahmen, etwa für Heizungen, Energieversorgung oder beschädigte Gebäude. Ebenso wichtig sind Fahrzeuge, damit Priester und Ordensschwestern abgelegene Gemeinden erreichen können.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Begleitung traumatisierter Menschen. Tausende Betroffene haben bereits an Projekten zur Traumabewältigung teilgenommen, unter anderem in Lemberg und Ternopil. Gleichzeitig unterstützt „Kirche in Not“ die Ausbildung zukünftiger Seelsorger: 515 Seminaristen und 150 Ordensleute wurden in der Vorbereitung auf ihren Einsatz unterstützt.
Verzweifelten Menschen Nähe schenken
„In vielen Regionen suchen Menschen nicht nur Worte des Trostes – sie suchen vor allem Nähe“, berichtet zum Beispiel ein Pfarrer in der stark umkämpften Stadt Mykolajiw. Dort begleiten Priester und Ordensschwestern Menschen, die Angehörige verloren und Bombardierungen überlebt haben oder ihre Heimat verlassen mussten.
Die Gemeinde organisiert Lebensmittelhilfe, verteilt Medikamente und bietet Zuflucht für Geflüchtete aus besetzten Gebieten. Gleichzeitig versuchen die Seelsorger, den Menschen auch geistlichen Halt zu geben – durch Gebet, Gespräche und die Sakramente.
Wie sehr sich der kirchliche Alltag verändert hat, zeigt ein Bericht von Kapuzinerbrüdern aus der ostukrainischen Stadt Dnipro, die nicht weit von der Frontlinie liegt. Wegen Stromausfällen werden Gottesdienste häufig bei Kerzenlicht gefeiert. Bei nächtlichen Luftangriffen suchen Ordensleute und Gemeindemitglieder gemeinsam Schutz im Keller ihres Klosters.
„Wir leben in ständiger Unsicherheit. Aber gerade in dieser Dunkelheit entdecken wir neu, wie kostbar Licht und Wärme sind“, berichten die Kapuziner. „Ihre Solidarität ermöglicht es uns, zu bleiben, zu beten, zu dienen und Hoffnung zu bringen.“
Kleine Zeichen der Hoffnung
Neben materieller Hilfe spielt die persönliche Begleitung eine entscheidende Rolle. „Ich rette die Menschen nicht – ich gehe an ihrer Seite“, sagt ein Priester aus Dnipro über seine Arbeit mit trauernden Familien und traumatisierten Soldaten.
Für viele Ukrainer ist die Kirche deshalb ein Ort der Hoffnung. Eine Frau aus Charkiw berichtet, wie ihre Familie nach Kriegsbeginn Zuflucht in einem Kloster fand: „Die Ordensschwestern empfingen uns mit Wärme. In dieser dunklen Zeit war das für uns ein Geschenk.“
Diese Nähe für die kriegsgebeutelten Menschen in der Ukraine dürfe nicht nachlassen, betonte „Kirche in Not“-Geschäftsführer Ripka: „Krieg ist für alle eine Katastrophe – egal, wo er stattfindet. Die unzähligen Leidtragenden sind ein Appell an unsere Menschlichkeit. Die Hilfe für die Ukraine muss weitergehen.“
