Wiener Dogmatiker Tück: Rehabilitierung von Hans Küng wäre „päpstliche Selbstdemontage“
Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück hat Forderungen nach einer posthumen Rehabilitierung Hans Küngs zurückgewiesen. Anlass war ein Beitrag des Theologen Wolfgang Beinert in der Herder Korrespondenz, der den 2021 verstorbenen Schweizer Theologen als „Propheten der Katholizität“ würdigte und eine Rehabilitierung durch Rom anregte.
„Die Kohärenz des Katholischen würde Schaden nehmen, ja es käme einer päpstlichen Selbstdemontage gleich, wenn der Papst die Unfehlbarkeitskritik Küngs ohne Vorbehalte unterschreiben würde“, schrieb der Wiener Dogmatiker am Montag bei Communio.
Beinert, ein Schüler Joseph Ratzingers und emeritierter Professor der Universität Regensburg, hatte Küngs Leistungen in Ekklesiologie, Ökumene und Religionsdialog gewürdigt. Tück erkannte zwar an, Küng habe „ein waches Gespür für Zeitfragen gehabt“ und „Modernitätskonflikte der Kirche offengelegt“. Theologisch überzeugend sei eine Rehabilitierung dennoch nicht.
Küng hatte 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen bekommen, nachdem er die päpstliche Unfehlbarkeit offen in Frage gestellt hatte. Ein Brief an Papst Franziskus kurz vor Weihnachten 2020, in dem Küng um Rehabilitierung bat, blieb unbeantwortet. Beinerts Beitrag griff die Frage nun wieder auf.
Als ersten Grund nannte Tück nun auch Küngs Positionierung zur päpstlichen Unfehlbarkeit. Küng habe 1970 „hinter den Begriff ‚Unfehlbar‘ ein Fragezeichen gesetzt“ und die Dogmen des Ersten Vatikanischen Konzils durch historische Kontextualisierung relativiert.
Damit habe er „die letztinstanzliche Kompetenz des Papstes infrage gestellt – als hätte er als akademischer Theologe die letztinstanzliche Kompetenz dazu“. Zurückgerudert sei er nie. Zu Tücks Studienzeiten in Tübingen war laut seinem Bericht nicht ohne Schmunzeln vom „Tübinger Gegenpapst“ die Rede.
Als zweites Problem führte Tück die Christologie Küngs an. In „Christsein“ (1974) habe Küng eine eher funktionale Deutung Jesu entwickelt und die Christologie der altkirchlichen Konzilien als „hellenistische Verfremdung“ problematisiert.
Theologen wie Karl Rahner, Hans Urs von Balthasar und Joseph Ratzinger hätten an dem Werk bemängelt, es „hole den Glauben an die Menschwerdung des Wortes Gottes in Jesus Christus nicht ein und falle hinter die Vorgaben des Konzils von Chalkedon 451 zurück“.
Als dritten Dissens benannte Tück Küngs Reformforderungen. Neben einer Revision der kirchlichen Sexualmoral habe Küng die Aufhebung des Pflichtzölibats und des Verbots der Frauenordination gefordert. Auch eine Demokratisierung der Kirche habe er angestrebt.
Lehramtlich hält die katholische Kirche jedoch daran fest, dass nur Männer zur Priesterweihe zugelassen werden können. Diese Lehre gilt als endgültig verbindlich, wie Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben Ordinatio sacerdotalis (1994) festgelegt hat.
Als vierten Dissens nannte Tück Küngs Position zur Sterbehilfe. Gemeinsam mit dem Tübinger Rhetorik-Professor Walter Jens hatte Küng 1995 das Buch „Menschenwürdig sterben“ publiziert. Bei der Buchvorstellung habe Küng erklärt, er wolle einst selbst darüber entscheiden können, wann er wie sterben wolle. Tück fügte indes hinzu, Küng habe am Ende seines Lebens nicht von der Möglichkeit der Beihilfe zum Selbstmord Gebrauch gemacht.
Aktive Sterbehilfe und assistierten Suizid lehnt die katholische Kirche ab. Johannes Paul II. erklärte in Evangelium vitae (1995): „Nach diesen Unterscheidungen bestätige ich in Übereinstimmung mit dem Lehramt meiner Vorgänger und in Gemeinschaft mit den Bischöfen der katholischen Kirche, daß die Euthanasie eine schwere Verletzung des göttlichen Gesetzes ist, insofern es sich um eine vorsätzliche Tötung einer menschlichen Person handelt, was sittlich nicht zu akzeptieren ist. Diese Lehre ist auf dem Naturrecht und auf dem geschriebenen Wort Gottes begründet, von der Tradition der Kirche überliefert und vom ordentlichen und allgemeinen Lehramt der Kirche gelehrt.“
Küng habe keine seiner strittigen Positionen zurückgenommen, betonte Tück. Dennoch hatte Benedikt XVI. ihn 2005 zu einer Privataudienz empfangen, wobei die theologischen Streitfragen ausdrücklich ausgeklammert blieben. Franziskus hatte Küng handschriftlich geschrieben und damit, so Tück, „ein freundliches Zeichen gesetzt“. Würde Leo XIV. dem Vorschlag Beinerts folgen, wäre das laut Tück „ein Akt der Illoyalität gegenüber seinen Vorgängern“.
