Der frühere Churer Generalvikar Martin Grichting hat in einem Kommentar für die katholische Wochenzeitung „Die Tagespost“ den Synodalen Weg scharf kritisiert. Er bezeichnete die aktuellen Strukturdebatten als Wiederholung theologischer Konzepte der 1970er Jahre.
In seinem Beitrag setzte sich Grichting mit den ekklesiologischen – also das Selbstverständnis der Kirche betreffenden – Visionen des Jesuiten Karl Rahner (1904–1984) auseinander. Er zog Parallelen zwischen Rahners Forderungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und den gegenwärtigen Bestrebungen des Synodalen Wegs in Deutschland.
Grichting verglich die Situation mit dem Filmklassiker „Und täglich grüßt das Murmeltier“ und sprach von einer kirchlichen Version dieses Titels, da die heutigen Debatten bereits vor fast 60 Jahren geführt worden seien.
Er führte aus, dass Karl Rahner bereits 1970 in seiner Schrift „Freiheit und Manipulation in Gesellschaft und Kirche“ eine „nationale Synode“ gefordert habe. Ziel sei es gewesen, „Institutionalismen“ zu schaffen, die als „Kontrollinstanzen für das Amt“ fungieren sollten. Laut Grichting sei es offensichtlich, dass damit eine den Diözesen übergeordnete Instanz skizziert wurde, um die bischöfliche Autorität einzuschränken.
Dem stellte der Autor die Positionen des damaligen Theologen Joseph Ratzinger, des späteren Papstes Benedikt XVI., gegenüber. Ratzinger habe die Idee einer gemischten Synode als ständige Regierungsbehörde bereits in seinem Werk „Demokratie in der Kirche“ kritisiert.
Grichting zitierte Ratzinger mit den Worten: „Die Idee der gemischten Synode als einer ständigen obersten Regierungsbehörde der nationalen Kirchen ist von der Überlieferung der Kirche wie von ihrer sakramentalen Struktur und von ihrem spezifischen Ziel her eine chimärische Idee.“
Ein zentraler Punkt in Grichtings Argumentation ist der Vorwurf der Selbstbeschäftigung. Unter Berufung auf Ratzinger betonte er, dass das Interesse der Kirche nicht sie selbst, sondern das Evangelium sein müsse. Er zitiert die historische Analyse Ratzingers, wonach die Gläubigen wissen wollten, „was Gott von ihnen im Leben und im Sterben will“, statt Details über die Balance von Kirchenämtern zu erfahren.
„Seit den Zeiten, als Rahner und der junge Ratzinger die Klingen kreuzten, liegen 55 Jahre des kirchlichen Krebsgangs. Eine dritte Auflage der kirchlichen Fassung von ‚Und täglich grüßt das Murmeltier‘ wird es aufgrund dieser Auflösungserscheinungen wohl nicht mehr geben“, betonte Grichting.
Grichting schloss sich zudem der Einschätzung des Theologen Henri de Lubac an, der hinter einem „Positivismus des kirchlichen Selbstbetriebs“ einen „Verlust des Glaubens“ vermutet habe.
