Vier Jahre Krieg in der Ukraine: Für die Menschen bedeutet das Luftalarm, Raketenangriffe, Kälte, Armut, Flucht, Trauerfeiern – und dazwischen der Versuch, irgendwie weiterzuleben. Wolodymyr Hruza, Weihbischof der griechisch-katholischen Kirche in Lemberg, begleitet Menschen in dieser Situation als Seelsorger. Im Gespräch mit Volker Niggewöhner vom päpstlichen Hilfswerk „Kirche in Not“ (ACN) berichtet er von der seelischen Not im Land, von Zeichen der Menschlichkeit und davon, warum die Ukraine jetzt vor allem eines braucht: Hilfe bei der Heilung.
Herr Weihbischof, wie erleben Sie die Situation in der Ukraine derzeit?
Die Lage ist weiterhin sehr schwer. Wir leben in einem ständigen Zustand der Unsicherheit. Fast jede Nacht gibt es Luftalarm. Man hört Sirenen und verfolgt, wohin Raketen fliegen – und versucht dann, irgendwie wieder in den Alltag zurückzukehren. Aber dieser Alltag ist nie normal.
Was macht dieser Dauerzustand mit den Menschen?
Nahezu alle Menschen in der Ukraine sind traumatisiert. Viele Menschen leben innerlich unter Spannung: Angst, Erschöpfung, Schlafprobleme, Sorgen um Angehörige. Und es ist nicht nur die Angst vor dem Tod. Es ist diese permanente Ungewissheit: Was passiert morgen? Was passiert heute Nacht? Kommt mein Sohn zurück? Kommt mein Mann zurück? Wird mein Haus noch stehen?
Sie begleiten viele Familien, die Angehörige verloren haben. Was hilft in solchen Momenten?
In den ersten Tagen hilft oft nicht viel „Gerede“. Viele Menschen sind wie betäubt. Da geht es vor allem um Nähe: da sein, die Hand halten, umarmen. Auf dem Friedhof einfach dabei sein, Segen erteilen, nicht formal sein, sondern menschlich. Später beginnt dann die lange Begleitung.
Gab es ein Erlebnis in all dieser Zeit, das Sie besonders bewegt hat?
Ja, das war am Anfang des Krieges, kurz vor Ostern. Wir hatten an der Kathedrale in Lemberg ein Sozialzentrum für Flüchtlinge eingerichtet. Eine Frau kam – sie war selbst arm und auf der Flucht – und brachte Osterbrot. Sie sagte: „Vielleicht braucht es jemand, der noch bedürftiger ist.“ Dieses Werk der Liebe hat mich sehr geprägt – gerade, weil sie selbst nichts hatte.
Was sagen solche Gesten über die Menschen in Ihrem Land?
Sie zeigen, dass das Herz nicht tot ist. Der Krieg bringt sehr viel Dunkelheit. Aber er bringt auch erstaunliche Solidarität hervor: Kinder geben Konzerte und sammeln Spenden. Frauen backen Brot für Soldaten oder Krankenhäuser. Menschen teilen, obwohl sie selbst wenig haben. Diese Solidarität ist unglaublich.
„Kirche in Not“ unterstützt die Kirche in der Ukraine seit den 1950er Jahren. Welche Hilfe ist jetzt wichtig?
Wir brauchen nicht nur Lebensmittel oder kurzfristige Unterstützung. Wir brauchen vor allem Hilfe bei der Heilung der Wunden. Dieser Krieg hinterlässt tiefe seelische Verletzungen. Und das wird uns Jahrzehnte beschäftigen.
Was meinen Sie mit „Heilung der Wunden“?
Unsere Diözese baut zum Beispiel ein Haus für spirituelle und psychologische Rehabilitation. Die Kirche kann und muss hier helfen – mit Seelsorge, mit Begleitung, mit Orten, wo Menschen wieder zu sich kommen können. Medizinische Versorgung ist Aufgabe des Staates. Aber die Kirche begleitet die Menschen seelisch und geistlich.
Sie sprechen sehr deutlich über Traumata. Wie groß ist diese Herausforderung?
Sehr groß. Es gibt keinen Menschen, der nicht betroffen ist. Und die Folgen werden nicht verschwinden, wenn der Krieg endet. Wenn Menschen mit tiefem Trauma auswandern, wird das auch für andere Länder eine Herausforderung. Deshalb ist es wichtig, dass Menschen in der Ukraine Hilfe bekommen, damit sie innerlich nicht zerbrechen.
Was ist aus Ihrer Sicht die größte Gefahr – auch für die Zukunft?
Hass. Wenn wir im Hass leben, in ständiger Rache, dann zerstören wir uns selbst. Auch wenn wir äußerlich überleben. Wir müssen lernen, unsere Kraft nicht in Hass zu verwandeln, sondern in Mut und Standhaftigkeit. Wir müssen unser Land verteidigen, ja – aber wir dürfen nicht innerlich verrohen. Wenn wir Mensch bleiben, bleibt auch Hoffnung.
