Priester und Sozialethiker Nass beleuchtet die Ansprüche Chinas und die Antwort Europas
China erhebt den Anspruch, mit einem autoritär-kollektivistischen Menschen- und Gesellschaftsbild und mit dem Traum von neuer Stärke die globale Ordnung zu verändern. Europa steht vor der Herausforderung, in diesem Wettstreit Position zu beziehen, um nicht von fremden Interessen instrumentalisiert oder kulturell und politisch zerrieben zu werden. Darauf hat Elmar Nass hingewiesen, der Priester und Lehrstuhlinhaber für Christliche Sozialwissenschaften und gesellschaftlichen Dialog an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT) und zugleich Autor mehrerer aktueller Bücher über die Entwicklung Chinas.
Nass sprach auf Einladung der Europäischen Stiftung Aachener Dom (ESAD) in Aachen. „China erhebt mit Macht den Anspruch, mit einem autoritär-kollektivistischen Menschen- und Gesellschaftsbild und einem großen Traum von neuer Stärke die globale Ordnung nach seinen Regeln zu verändern“, berichtete Nass, der sich intensiv mit den Veröffentlichungen des Staatschefs Xi Jingping befasst hat. Dazu gehöre „das Festhalten am sozialistischen Weg, an der demokratischen Diktatur des Volks, an der Führung durch die KP Chinas sowie am Marxismus-Leninismus und den Mao-Zedong-Ideen“ (Xi Jingping).
Mit Erfolg ist es den Machthabern gelungen, den chinesischen Marxismus mit drei Komponenten anzureichern: mit marktwirtschaftlichen, nationalistischen und traditionell-kulturellen Elementen. Auf dieser Basis erfolgt inzwischen die Umerziehung zum chinesischen Menschen. Wer sich nicht anschließt, gilt als „Parasit“ und wird als Abschaum bestraft.
Immerhin hat China es bislang vom Armenhaus über die Werkbank bis zur weltweit zweitgrößten Wirtschaftsmacht geschafft. Das im Ausland umstrittene Sozialkreditsystem findet in China selbst hinreichend Akzeptanz. Nun strebt China danach, die internationalen Regeln und Mechanismen in seinem Sinne zu verändern.
Wie reagiert Europa auf diese Herausforderung? Genau diese Frage stellt sich für Nass: „Wir befinden uns in einem globalen Wettstreit der Kulturen, in dem freiheitliche Ideen des Westens vor allem durch die Ideale des amerikanischen Traums vertreten werden.“
Amerika stehe für eine Kultur individueller Freiheit, die sich vor allem aus den Wurzeln des Christentums und des Liberalismus speise. Sie stehe für individuelle Menschenrechte, rechtsstaatliche Gewaltenteilung, demokratischen Wettbewerb konkurrierender Parteien, eine marktwirtschaftliche Privateigentumsordnung und habe das Völkerrecht maßgeblich geprägt.
„Europa steht vor der Herausforderung, in diesem Wettstreit der Kulturen auf der Seite der Freiheit Position zu beziehen, um nicht von fremden Interessen instrumentalisiert oder kulturell und politisch zerrieben zu werden“, so Nass. Hierzu folge Europa einem großen Freiheits-Traum, der evolutionär dem eigenen Kulturpfad entspreche und ein wegbares Zukunftsideal vorgebe. Europa versteht Nass an dieser Stelle als ein Wertebündnis derjenigen Länder, die sich dieser Zukunftsvision einer „versöhnten Freundschaft“ anschließen.
Dieser Traum lerne aus der schmerzhaften Geschichte jahrhundertelanger Feindschaften, Kriege und Konflikte, aus den dunklen Erfahrungen von Kolonialismus, Vernichtung und Vertreibung. „Er schließt an dessen Stelle einen Bund der Zuneigung, Treue, Solidarität und Verlässlichkeit. Dieser Traum ist freiheitlich und humanistisch.“ Er grenze sich von den Diktaten der so genannten kommunistischen „Völkerfreundschaften“ ab.
Die freiheitliche Versöhnung der Völker gehe Hand in Hand mit einer Versöhnung der humanistischen Traditionen, die Europas Kultur prägen und seine Werte begründen: „Das sind vor allem die Philosophie der Antike, das Christentum, Aufklärung und ein vernunftbasierter Liberalismus.“
Der so in versöhnter Freundschaft begründete europäische Humanismus drücke, so Nass, die gemeinsame Überzeugung aus, dass gesellschaftliches Leben und Recht von der Entfaltung jedes Menschen als Person verstanden werden müssen. „So werden unbedingte Rechte und Pflichten des Menschen objektiv begründet.“ Aus diesem Geist der Einigkeit erwachse Widerstandskraft gegenüber Gefahren von außen und die Kraft, sich selbstbewusst für einen solch stabilen Frieden und für eine wirksame Hilfe für notleidende Völker einzusetzen.
So einfach stellt sich auch Nass diesen europäischen Traum nicht vor: „Eine europäische Identität und ein europäischer Patriotismus müssen erst noch wachsen.“ Aber immerhin: Elmar Nass findet eine Antwort auf den wachsenden Einfluss Chinas durch eine geeinte Vision in Europa.
