Am Ende war es dann doch eine Kampfabstimmung. Und wie schon 2020 ging auch diesmal der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck leer aus. Drei Wahlgänge brauchten die versammelten 56 Bischöfe und Weihbischöfe am Dienstagmorgen in Würzburg, nachdem in den ersten beiden Wahlgängen die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit verfehlt wurde. Als es in die letzte Runde ging, in der die einfache Mehrheit reichte, zog Overbeck erneut den Kürzeren. Und so stand am 24. Februar 2025 um 11:30 Uhr nicht er vor den versammelten Journalisten, sondern der Bischof aus Hildesheim: Heiner Wilmer SCJ.
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen Seiner Gnade“ – mit diesen Worten des Engels aus dem Lukas-Evangelium begann Wilmer sein Eröffnungsstatement, als er vor die Presse trat. Er ist nun der neugewählte Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK).
In der kurzen Zeit zwischen seiner Wahl und dem obligatorischen Pressetermin hatte er es geschafft, eine knapp achtminütige Rede vorzubereiten, die er nun von seinem Mobiltelefon ablas. Oder hatte er den Text bereits auf seinem Handy, bevor er nach Würzburg anreiste? „Synodalität bleibt eine geistliche Haltung“, las Wilmer vor. Links am Rand stand Bischof Georg Bätzing. Dieser hatte den 2019 gestarteten „Synodalen Weg“ – damals noch unter der Ägide des Münchner Erzbischofs, Kardinal Reinhard Marx – mit Vehemenz vorangetrieben. Der Graben zwischen der Bischofskonferenz und der römischen Kurie wurde in den letzten Jahren immer tiefer.
„Christus steht im Zentrum“
Seitdem schwebt das Schreckgespenst „Kirchenspaltung“ im Raum. Wiederholt sah sich der Vatikan zum Einschreiten veranlasst. Die Pläne, den als „Reformprozess“ deklarierten „Synodalen Weg“ in Form eines „Synodalen Rates“ zu verstetigen, wurden von Papst Franziskus mit einem Machtwort durchkreuzt. In einem neuen Anlauf versuchen Bätzing und seine Mitstreiter nun, unter dem Konzeptwort „Synodalkonferenz“ den „Synodalen Weg“ als amtskirchliche Parlamentssimulation und Kontrollgremium für Bischöfe (beschönigend „Monitoring“ genannt) festzuzementieren. Diejenigen, die es sich zu eigen gemacht haben, „auf die Stimme der Gläubigen zu hören“, ignorieren bislang die Mehrheit der Deutschen, die zumindest laut einer aktuellen Studie den „Synodalen Weg“ für „eher falsch“ halten.
Unterdessen beschreibt Wilmer sein Verständnis von Synodalität als „miteinander unterwegs sein, Verantwortung teilen, Entscheidungen gemeinsam tragen“.
„Christus steht im Zentrum“ – als Bischof Wilmer bei der Pressekonferenz diesen Satz anfügt, werden einige Medienvertreter hellhörig. Ein Journalist, der bereits die drei Vorgänger von Wilmer als Konferenzvorsitzende medial begleitet hatte, wird in der anschließenden Fragerunde etwas spitz anmerken: „Noch nie auf den Pressekonferenzen wurden so oft die Worte ‚Christus‘, ‚Jesus‘ und ‚der Glaube‘ verwendet.“ Als er den neuen Vorsitzenden fragt: „Denken Sie, dass Sie einen neuen Stil auch in die DBK tragen und ist das der Grund, warum Sie die Mehrheit Ihrer Mitbrüder auf sich vereinigen konnten?“, lässt dieser den Seitenhieb an sich abprallen und antwortet schlicht: „Das weiß ich nicht. Ich kann nicht anders. Und ich bin dankbar für die Unterstützung meiner Mitbrüder.“
Konfrontationskurs mit Rom: Abgewendet, oder nur subtiler?
Bischof Wilmer betonte bei seiner Vorstellung am vierten Jahrestag des russischen Überfalls auf die Ukraine vor allem den Aspekt des Friedens und die Aufarbeitung der Missbrauchskrise. Auch sonst schien er bemüht zu sein, den Eindruck zu zerstreuen, er würde den Konfrontationskurs mit Rom fortführen, den seine beiden Vorgänger im Zusammenspiel mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) so öffentlichkeitswirksam zelebriert haben. „Papst Franziskus hat uns neu vor Augen gestellt, dass das Evangelium Freude ist“, sagte Wilmer und betonte im Hinblick auf den aktuellen Pontifex: „Papst Leo führt diesen Weg mit geistlicher Klarheit fort.“
Als Wilmer dann von Journalisten gefragt wurde, ob die katholische Kirche nicht doch noch irgendwann Frauen zu Priestern weihen könnte, nutzte er diese Steilvorlage nicht etwa dafür, um sich wie Vorgänger Bätzing aktiv gegen die geltende Kirchenlehre auszusprechen, sondern antwortete knapp: „Ich begrüße es sehr, dass die Weltsynode das Thema Frauen in Ämtern und Diensten auf der Tagesordnung hat. Und ich bin nach wie vor überzeugt, dass heute auch der Heilige Geist wirkt. Und ich freue mich auf die Überraschungen des Heiligen Geistes.“
„Gott ist nicht nett“ und die „DNA der Kirche“
„Manchmal kann ich all das, was über Jesus gesagt wird, nicht mehr hören“, schrieb Wilmer in seinem Buch, das 2013 beim Verlag Herder erschienen ist. Er war damals kein Bischof: Seit 2007 stand er als Provinzial der Herz-Jesu-Priester in Deutschland vor. Das Buch trägt den Titel „Gott ist nicht nett“, und darin findet man das Zeugnis des Priesters Heiner Wilmer, der sich ehrlich mit der kirchlichen Bubble und ihrem salbungsvollen Kirchensprech auseinandersetzt. „Ich höre meine eigenen Predigten schließlich jeden Sonntag und merke, wie ich Floskeln und Palaver irgendwohin, in den Himmel, in die Dunkelheit, schicke“, schrieb Wilmer damals durchaus selbstkritisch, bevor er ein beeindruckendes Glaubenszeugnis darüber ablegt, dass Gott zwar nicht immer „nett“ sei, aber niemals die Menschen im Stich lasse. 2018, nach seiner Ernennung zum neuen Bischof von Hildesheim, druckte der Herder-Verlag eine zweite Auflage von „Gott ist nicht nett“.
Dass auch Bischöfe nicht immer „nett“ sein müssen, bewies Wilmer, als er ein Jahr später in einem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger behauptete: „Der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche.“ Viele Gläubige und Hauptamtliche waren empört. Prompt kam Widerspruch, auch aus Köln. „Wenn das so wäre, dann müsste ich aus der Kirche austreten“, sagte Kardinal Rainer Maria Woelki damals.
„Natürlich war die Aussage Mist“, sagen Menschen heute, die Wilmer schon länger kennen. „Aber man weiß ja, was er gemeint hat.“ Grundsätzlich würde Heiner Wilmer, der lange Zeit als Lehrer, Schulseelsorger und Schulleiter in Deutschland, Kanada und den USA wirkte, seine Worte gut abwägen.
Gendergerechte Liturgie?
Die Gedanken, die sich Wilmer über die richtige Wortwahl macht, machen aber auch vor der Liturgie nicht Halt. 2021 veröffentlichte das Bistum Hildesheim unter Bischof Wilmers Führung eine „Handreichung“ zum Thema „Geschlechtersensible Sprache“. „Was wir nicht mehr wollen“, so heißt es, sei unter anderem „die alleinige Verwendung des generischen Maskulinums“. „Geschlechterstereotype“ sollen durchbrochen werden, selbst im intimen Bereich des Gebets. So wirbt das Bistum in seiner Broschüre unter anderem für eine „Vielfältige Gottes(an)rede“. Die Priester und Mitarbeiter des Bistums Hildesheim werden dazu angehalten, nicht mehr „Herr Jesus Christus“ zu sagen, sondern stattdessen „Christus, unser Bruder“. Statt der liturgischen Formel „Der Herr sei mit Euch“ rät die Diözese zur Formulierung „Die Liebe Jesu Christi sei mit euch, die Geistkraft Gottes …“.
Die – möglicherweise gut gemeinte – Sensibilität für den aktuellen gesellschaftlichen Zeitgeist kann aber schiefgehen. Der Vorsitzende des Vereins Deutsche Sprache, Walter Krämer, warf Bischof Hilmer nach der Veröffentlichung der Hildesheimer Handreichung „würdeloses Anbiedern“ vor und kündigte seinen Kirchenaustritt an.
Timing ist alles
Fehl schlug außerdem ein weiterer Versuch Wilmers, eine aktuelle gesellschaftliche Welle zu reiten, als er 2019 die damals 16-jährige Greta Thunberg zum Vorbild erhob. Für ihn sei sie „wie eine junge Prophetin“, erklärte der Bischof bei der Chrisammesse im Hildesheimer Dom. Dabei ermunterte er unter anderem auch die Bewegung „Fridays for Future“ und bezeichnete den Einsatz der sogenannten „Klimaaktivisten“ als „kreativ wie der Schöpfergott, geistreich wie der Heilige Geist und hellwach wie Jesus Christus“.
Seit Thunberg in jüngster Zeit vermehrt durch antisemitische Äußerungen aufgefallen ist und auch „Fridays for Future“ ihren gesellschaftlichen Kredit verspielt zu haben scheint, hat sich Wilmer nicht mehr vernehmlich zu diesem Thema geäußert. Wie zielsicher sein Gespür für den Gesellschaftstrend ist, zeigt die Tatsache, dass bei seiner Vorstellung als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz das Wort „Klima“ kein einziges Mal erwähnt wurde.
Stattdessen immer häufiger die Worte „Christus“, „Evangelium“, „Glaube“. Vermutet Wilmer, dass innerkirchlich ein „Wind of Change“ bevorsteht? Oder testet er erst einmal das Wasser?
Eine schwere Hypothek: Eher „Weiter so“ als neuer Anfang?
Bischof Georg Bätzing hatte 2020 das Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz vom Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx übernommen. Sechs Jahre reichten aus, um die ohnehin schon kriselnde Beziehung zwischen dem Vatikan und den deutschen Bischöfen, die vor 20 Jahren noch den Papst stellten, weiter zu verschärfen. Es gehört zur Tragik von Bätzings Amtszeit, dass der Limburger Bischof bis zuletzt darauf beharrte, die Mehrheit der Gläubigen hinter sich zu haben.
Selbst innerhalb der Bischofskonferenz gingen viele Mitbrüder auf Distanz. Beim plumpen Versuch, gemeinsam mit dem ZdK den „Synodalen Weg“ in Form eines „Synodalen Rates“ oder „Synodalen Ausschusses“ zu verstetigen, hatte sich der Limburger verhoben. Der Papst hatte mal wieder ein Stoppschild hochgehalten. Bätzing versuchte erst gar nicht, als amtierender Vorsitzender der Bischofskonferenz zur Wiederwahl anzutreten.
„Es war richtig, die Statuten des Synodalen Ausschusses nicht verabschiedet zu haben“, ließ Bischof Wilmer hinterher in einem Beitrag für „COMMUNIO“ verlauten. „Es war richtig, die Sorgen der drei Kardinäle und damit auch die Sorgen des Heiligen Vaters ernst zu nehmen.“
Inhaltlich distanziert von seinem Abstimmungsverhalten bei den Versammlungen des „Synodalen Weges“ hatte sich Wilmer dagegen nie. Zur Segnung homosexueller Verbindungen hatte der Bischof mit „Ja“ gestimmt, wie auch beim Handlungstext „Lehramtliche Neubewertung von Homosexualität“, in dem die Verfasser behaupten: „Gleichgeschlechtliche – auch in sexuellen Akten verwirklichte – Sexualität ist damit keine Sünde, die von Gott trennt, und sie ist nicht als in sich schlecht zu beurteilen. Sie ist vielmehr an der Verwirklichung der genannten Werte zu messen.“
Geht Wilmer auf Distanz zum „Synodalen Weg“?
Und dennoch: Einige Kritiker des „Synodalen Weges“ und der geplanten „Synodalkonferenz“ zeigten sich nach der Wahl Wilmers zaghaft optimistisch. Bischof Wilmer sei ein „sehr geistlicher Mensch“, so der einheitliche Tenor. Er lege Wert auf das Gebet und sei – anders als Vorgänger Bätzing oder Gegenkandidat Overbeck – „eher ein Mann der Mitte“.
Er selbst sei „unbedingt für eine Erneuerung“, hatte der Bischof von Hildesheim noch vor drei Jahren im Gespräch mit der Rheinischen Post betont. Dabei räumte er ein: „Wir sind aber zu ungeduldig. Uns fehlt in Deutschland mitunter etwas der lange Atem. Es fehlt manchmal die Bereitschaft anzuerkennen, dass nicht alles innerhalb der eigenen Lebensspanne umgesetzt werden kann.“
Als er als neugewählter Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz vor die Presse trat, stand die Abstimmung zur Satzung der Synodalkonferenz noch aus. Auf die Frage eines Journalisten, wie er die Chance sehe, dass der Vatikan diesmal zustimme, antwortete Wilmer verklausuliert: „Aus Rom habe ich die Signale gehört, dass Papst Franziskus gesagt hat: ‚Synodalität ist die Grundform der Kirche.‘ Papst Leo hat dies bestätigt, und in dieser Hinsicht bin ich zuversichtlich.“
Wenige Stunden später teilte die Bischofskonferenz in einer knappen Pressemitteilung mit, dass die Satzung von der Mehrheit der Bischöfe angenommen wurde. Der von vielen erhoffte „Wind of Change“ bleibt bislang heiße Luft.
Wilmer, der Klassensprecher
Wirklich messen lassen wird sich Wilmers Einfluss wohl erst am Umgang mit der geplanten Synodalkonferenz. Vor allem seine beiden Vorgänger Marx und Bätzing haben ihm mit dem 2019 begonnenen „Synodalen Weg“ eine Hypothek aufgebürdet, an der auch der langjähriger Nuntius von Deutschland, Erzbischof Nikola Eterović, zu knabbern hatte.
In seinem Grußwort an die deutschen Bischöfe sprach Eterović eine Warnung aus, als er an den kroatischen Bischof Marcantonio de Dominis (1560–1624) erinnerte, dessen „reformatorische Positionen“ ihn zwischenzeitlich die Verurteilung als Ketzer einbrachte. „Ich erinnere an die umstrittene Persönlichkeit meines Landsmannes, um zu zeigen, dass der gute Wille zur Durchführung von Kirchenreformen und selbst der Gebrauch von an sich gültigen Formeln mitunter zu Spaltung und sogar Schisma führen können“, mahnte Eterović. Um solche „tragischen Folgen“ zu vermeiden, sei es daher notwendig, die theologischen Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe zu leben und dabei „fest in der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche verwurzelt zu bleiben“.
In seiner Dankesrede an den scheidenden Vorsitzenden sagte der Fuldaer Bischof Michael Gerber, Bätzing sei ein Mann gewesen, „der moderierend gesteuert hat – anders wäre unsere Konferenz auch gar nicht zusammenzuhalten“. Wie eine Wunschliste an den künftigen Vorsitzenden klangen die Worte Gerbers, als er weiterhin an Bätzing gerichtet bilanzierte: „Dir ist wachsendes Vertrauen in der Römischen Kurie gelungen.“ Er fügte an: „Du warst dort gut vernetzt, auf deine Art und Weise, aber du warst präsent.“
Die Aufgabe, die nun vor Bischof Wilmer liegt, ist gewaltig. Sein tatsächlicher Einfluss, seine faktische „Macht“ bleibt freilich beschränkt. Als Vorsitzender der Bischofskonferenz leitet er die Vollversammlung und den Ständigen Rat, hat jedoch keinerlei Richtlinienkompetenz. Er ist weder eine Art „Papst von Deutschland“, noch „Bischofs-Boss“, wie ein Boulevard-Blatt einmal titelte. Außerhalb der Sitzungsleitung sind seine Aufgaben und Befugnisse hauptsächlich repräsentativer Natur. Das Statut der deutschen Bischofskonferenz legt fest: „Er vertritt die Deutsche Bischofskonferenz nach außen; dabei ist er an ihre Beschlüsse gebunden.“
Als neuer Klassensprecher der deutschen Bischöfe ist sein Einfluss dennoch nicht unerheblich, vor allem was die Beziehungen zum Lehrer, dem obersten Glaubenslehrer in Rom, Papst Leo XIV., betrifft.
Misst man Bischof Heiner Wilmer an seinen eigenen Worten, dann mag vielleicht jenes – etwas schiefe – Bild dienen, das dieser bei seiner ersten Pressekonferenz als neuer Vorsitzender dem ZDF-Journalisten Jürgen Erbacher als Antwort gegeben hat: „Ich bin ein Pilger auf dem Weg: In der einen Hand das Evangelium, in der anderen Hand die Menschen im Blick.“
