„Die Waffen nieder!“: Kardinal Brandmüller äußet sich zum Liturgiestreit
Der 97-jährige deutsche Kurienkardinal Walter Brandmüller hat in einem Beitrag, der auf der Internetseite des Vatikanisten Sandro Magister veröffentlicht wurde, einen dringenden Appell an Bischöfe und Gläubige gerichtet: Schluss mit dem erbitterten Liturgiestreit, der die katholische Kirche seit Jahrzehnten spaltet.
Hintergrund der Äußerungen ist die anhaltende innerkirchliche Debatte über die richtige Form der Messfeier. Wie der Kardinal in seinem Text darlegt, liegt die Ursache für die heutigen Spaltungen nicht im Zweiten Vatikanischen Konzil selbst.
Er schrieb: „Es war nicht mit dem ‚Sacrosanctum Concilium‘ des Zweiten Vatikanischen Konzils, sondern vielmehr mit der Umsetzung der Liturgiereform nach dem Konzil, dass sich in weiten Teilen der katholischen Welt ein Riss auftat.“ Aus dieser Entwicklung sei ein „ungesunder Konflikt“ zwischen verschiedenen kirchenpolitischen Lagern entstanden.
Die Vehemenz der Auseinandersetzung erklärte Brandmüller mit der Natur der Liturgie. Sie sei kein rein abstraktes theologisches Konzept, sondern berühre den Alltag der Gläubigen.
In seinem Beitrag hieß es dazu: „Was betroffen ist, ist das religiöse Empfinden, geschätzte Andachtsformeln, die Gewohnheit.“ Wenn in diesen Bereich ohne Sensibilität eingegriffen werde, entzündeten sich Konflikte oft an scheinbar nebensächlichen Details.
Der Kurienkardinal übte in seiner Analyse deutliche Kritik an unregulierten Gottesdienstformen, die in der Folge der Änderungen unter Papst Paul VI. entstanden seien. Er bemängelt eine Entwicklung hin zu „theologischem Individualismus“ und Eigenwilligkeiten von Priestern. Dies habe in einigen Fällen dazu geführt, dass das offizielle Messbuch durch persönliche Zusammenstellungen ersetzt worden sei.
Brandmüller resümierte: „Die Folge war ein liturgisches Chaos und ein beispielloser Exodus aus der Kirche, der trotz der paulinischen Reform bis heute anhält.“
Gleichzeitig weist der Kardinal aber auch jene Kräfte zurecht, die aus Protest gegen diese Auswüchse die neue Liturgie, den Novus Ordo, gänzlich ablehnen. Der von Papst Paul VI. verkündete Ritus müsse respektiert werden.
„Der ‚Novus Ordo‘ war vom Papst promulgiert worden: Trotz legitimer Kritik musste er im Gehorsam angenommen werden“, betonte Brandmüller. Wer sich ausschließlich auf die „Messe aller Zeiten“ berufe, übersehe zudem die historische Entwicklung der Riten. Wörtlich erklärte der Kardinal: „In Wahrheit beschränkt sich die einzige ‚Messe aller Zeiten‘ auf die Konsekrationsworte […].“
Nach Einschätzung des Kardinals stellt die gegenwärtige Situation eine Gefahr für die Einheit des Glaubens dar. Er kritisierte, dass bischöfliche Behörden nur selten gegen liturgische Missbräuche einschritten.
Um eine weitere Spaltung zu verhindern, sei ein sofortiger Waffenstillstand an der liturgischen Front notwendig. Brandmüller forderte eine sprachliche Abrüstung und gegenseitige Toleranz, gepaart mit der strikten Einhaltung der geltenden Normen durch beide Seiten. Beide Lager dürften die Ernsthaftigkeit der Intentionen des jeweils anderen nicht in Zweifel ziehen.
Mit Blick auf die Zukunft empfahl der Kardinal ein unvoreingenommenes Studium der Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium. Die postkonziliare Praxis müsse im Licht dieses Textes neu bewertet werden.
„Nur so, in der Stille und mit großer Geduld, wird es möglich sein, auf eine Reform der Reform hinzuarbeiten, die den Bestimmungen von ‚Sacrosanctum Concilium‘ wirklich entspricht“, lautete sein Ausblick. Seinen Beitrag beendete Brandmüller mit einem erneuten Appell: „Aber bis dahin, noch einmal, um Gottes willen: ‚Die Waffen nieder!‘“
