Jerusalem-Abt Nikodemus Schnabel fürchtet „um die Zukunft der Christen“ im Heiligen Land
Der Krieg gegen den Iran hat auch Auswirkungen auf die Situation der Christen im Heiligen Land. So hat die israelische Regierung aus Sicherheitsgründen erst vor Kurzem viele religiöse Stätten schließen lassen. Davon betroffen ist auch die deutschsprachige Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg in Jerusalem.
EWTN-Reporter Rudolf Gehrig sprach mit dem dortigen Abt Nikodemus Schnabel OSB über die aktuelle Lage, die dramatische Stunden im Luftschutzbunker und warum der deutsche Geistliche trotz allem sich nicht die Hoffnung nehmen lässt. Abt Nikodemus ist nicht nur für das Benediktinerkloster im Herzen von Jerusalem zuständig, sondern auch für das Priorat Tabgha am See Genezareth.
Abt Nikodemus Schnabel, wir erreichen Sie gerade in Jerusalem. Schildern Sie uns doch mal Ihre gegenwärtige Situation.
Wir sind Krieg gewohnt, aber die jetzige Situation ist für uns neu. Am 3. März 2026 hat um 12 Uhr die Polizei unser Kloster geschlossen. Voraussichtlich sollen bis Samstag, dem 14. März, weiter alle religiösen Gebäude geschlossen bleiben. Das heißt, die al-Aqsa-Moschee ist nicht zugänglich für die Muslime, die Westmauer, in Deutschland oft „Klagemauer“ genannt, ist für die Juden ebenfalls nicht zugänglich. Auch die Grabeskirche ist geschlossen. Und wir eben auch.
Dürfen Sie wenigstens die Heilige Messe feiern?
Wir haben weiter Gottesdienste, wir haben unsere Gebetszeiten. Wir lassen natürlich auch unsere Gemeindemitglieder in die Kirche rein. Wir müssen halt schauen, dass wir unter 50 Leute bleiben, aber das können wir gewährleisten.
Wie viele Menschen sind gerade bei Ihnen in der Dormitio-Abtei?
Wir sind zurzeit fünf Mönche auf dem Zion. Wir haben unsere zehn Theologie-Studierenden, evangelisch und katholisch, im Studienhaus einen Assistenten. Bei uns sind gerade außerdem noch acht Studenten der islamischen Theologie aus Deutschland da, die für die muslimisch-christlichen Werkwochen gekommen sind und eigentlich schon längst wieder zurück sein sollten. Wir haben auch noch fünf Einzelgäste. Wir sind insgesamt eine Gruppe von 29 Leuten, die hier vor Ort sind.
Wie sicher ist es bei Ihnen gerade auf dem Zionsberg?
Unsere Krypta dient auch als Schutzraum, die hat ja keine Fenster, ist sehr gut gebaut. Unsere Gebetszeiten haben wir alle in die Krypta verlegt, in die Unterkirche, eben der Ort, wo der Tradition nach die Entschlafung Mariens verehrt wird. Und ja, wir sind einfach da und treu im Gebet für die Menschen. Jeder, der irgendwie ein offenes Ohr braucht, der ist herzlich willkommen. Ich merke, ich werde auch als Seelsorger gefragt. Ich hatte jetzt in diesen Tagen wirklich sehr, sehr gute Seelsorge- und Beichtgespräche.
Wie haben Sie den ersten Tag des Angriffs erlebt?
Wir waren an jenem Samstag als Gesamtgemeinschaft in Tabgha. Der Ort liegt 200 Meter unter dem Meeresspiegel, am Nordwest-Ufer des Sees Genezareth, der Ort der wundersamen Brotvermehrung. Wir hatten dort unsere Kapitelsitzung und eigentlich war die Stimmung leicht hoffnungsvoll, weil wir hatten zwei Pilgergruppen aus dem deutschsprachigen Raum hier, nämlich die Österreichische Ordenskonferenz und dann eine Gruppe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen vom Stift Kremsmünster. Und ja, dieser Hoffnungsschimmer, der ist dann am Samstag zerbrochen, als der Raketenalarm kam.
Waren Sie darauf vorbereitet?
Grundsätzlich ja. Ich meine, es lag ja in der Luft. Wir hatten entsprechend unsere Schutzräume vorbereitet, genug Lebensmittel eingekauft und sind dann eben in unseren Bunker, als es losging. Wir waren dann zwei Stunden gemeinsam mit unseren Volontären aus den USA und Hongkong, unseren Hausgästen, den philippinischen Schwestern und einer französischen Pilgergruppe in dem Bunker. Der palästinensische Busfahrer der Gruppe war auch dabei sowie ein Einzelpilger aus Deutschland. Insgesamt waren wir eine Gruppe von 60 Personen. Während dieser zwei Stunden merkte man schon, was für ein Arsenal der Iran hat. Da sind schon ganz andere Raketen, als die, die die Hamas schießt.
Was ist das dann für eine Stimmung da im Bunker, während die Raketen über Ihre Köpfe hinwegfliegen?
Wir haben gemeinsam gesungen, in verschiedenen Sprachen gebetet. Es gab kein Selbstmitleid. Wir haben stattdessen für die Menschen gebetet, die jetzt nicht so privilegiert sind, einen Schutzraum zu haben, für die Menschen, die jetzt total verwirrt sind und auch für die Menschen im Iran, in den Golfstaaten, in Palästina, in Israel. Eine der Pilgerinnen hatte an diesem Tag ihren 19. Geburtstag, die hat dann auf allen möglichen Sprachen ein Geburtstagsständchen bekommen. Mittlerweile bin ich mit vier anderen Mönchen zurück in der Dormitio-Abtei auf dem Zion. Ich spüre die Verantwortung für die mir anvertrauten Menschen und bin auch dankbar, wie die anderen fünf Brüder in Tabgha weiter die Stellung halten. So sind wir zwei Hoffnungsinseln in diesem Ozean von Leid.
Halten Sie den Angriff Israels und der USA auf den Iran prinzipiell für gerechtfertigt?
Ich denke, Papst Leo hat sich da sehr klar geäußert. Wir haben eine lange Theologiegeschichte, ein langes Ringen um das, was ein gerechter Krieg ist. Ich glaube, der Fall ist ziemlich eindeutig und ich kann einfach nur sagen: Ich bin dankbar, Leo als unseren Papst zu haben mit dieser Klarheit.
Steht die Bevölkerung geschlossen hinter diesem Krieg?
Ich maße mir nicht an, für die jüdischen Israelis oder die Muslime zu sprechen. Bei unserer kleinen, christlichen Minderheit herrscht tiefe Trauer, weil der erste getötete Mensch in Israel durch eine iranische Rakete war die Katholikin Mary Anne Velasquez de Vera. Sie war eine Altenpflegerin, die nicht sofort in den Schutzraum gerannt ist, sondern die Verantwortung gespürt hat für die alte Dame, für die sie zuständig war. Sie hat das mit dem Leben bezahlt. Und das ist das, was mir auch sehr, sehr nahegeht. Wir bleiben lieber bei diesen Menschen, die uns anvertraut sind. Und das ist ja das, was uns Christen auszeichnet.
Am 7. Oktober 2023 hat die Hamas auch Katholiken in den Kibbuzim ermordet, Philippinos, die eben nicht gewichen sind von der Seite der ihnen anvertrauten alten Menschen. In Gaza in der Pfarrei zur Heiligen Familie gilt dasselbe. Die Priester und Ordensfrauen bleiben dort bei den ihnen Anvertrauten. Im Südlibanon dasselbe: Der maronitische Pfarrer Pierre El Rahi ist bei seinen Gläubigen geblieben und hat dafür mit seinem Leben bezahlt. Die Christen werden dort gerade zwischen der israelischen Armee und der Hisbollah zerrieben.
Es sterben auch Unschuldige bei diesem Krieg …
Krieg ist dreckig. Krieg trifft immer die Falschen. Wie viele Unschuldige werden jetzt getötet? Wie viele Biografien von Menschen werden zerstört, die nicht beteiligt sind? Sie werden oft zynisch als „Kollateralschaden“ bezeichnet. Unsere christliche Haltung ist nicht: „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“, sondern jedes einzelne menschliche Leben ist kostbar, weil es nach dem Bild Gottes geschaffen ist. Es gibt keine Menschenleben erster oder zweiter Klasse!
Die Situation der Christen im Heiligen Land ist schon seit einiger Zeit äußerst prekär. Welche Auswirkungen hat der Krieg nun auf das Leben der Christen dort?
Was wirklich schlimm ist: Im Krieg gibt es so einen Aufmerksamkeitsschatten. Die Welt diskutiert jetzt über die USA, den Iran, Israel. Keiner redet jetzt noch über Gaza. Dort haben wir Glaubensgeschwister, deren Situation sich drastisch verschlechtert. Wir erleben täglich einen Anstieg der Gewalt durch Siedler in der Westbank. Gerade das einzige vollständig christliche Dorf in Palästina, Taybeh, ist massiv unter Druck. Dort gibt es fast täglich Übergriffe. Der römisch-katholische Pfarrer dort war der erste, der mir am Samstag des Angriffs geschrieben hatte, um zu fragen, wie es mir geht, was mich sehr berührt hat. Für Christen wird es schwierig. 60 Prozent der Christen leben vom Tourismus, von den Pilgern. Doch die bleiben jetzt aus.
Was tut die Kirche in der gegenwärtigen Situation, um den Menschen beizustehen?
Wir versuchen, da zu sein. Wir bleiben, wir gehen nicht, wir fliehen nicht. Ich konnte immer sagen, in den ganzen Kriegen haben wir unsere beiden Kirche in Jerusalem und Tabgha nicht einen Tag lang zugemacht. Jetzt kann ich nur noch sagen: Wir haben nicht einen Tag freiwillig zugemacht. Ich hoffe, dass wir bald wieder öffnen und signalisieren können: Wer möchte, findet offene Türen und kann in unseren Kirchen still beten und Ruhe tanken. Ich habe ein besonderes Herz für die Migranten und Asylsuchenden. Auch für sie möchte ich ein Stabilitätsanker sein. Wenn jemand bei uns unterkommen will, dann kann er das. Wer ein Seelsorge- oder ein Beichtgespräch möchte, wir haben Zeit.
Was wünschen Sie sich von den Christen weltweit?
Wir sind hier im Ursprungsland des Christentums. Das betrifft ja nicht nur Israel und Palästina, sondern auch den Libanon, den Iran, Jordanien, den Irak. Ich wünsche mir, dass diese Region einfach keinem Christen egal ist. So sehr ich das auch verstehe, dass alle Leute gerne nach Rom pilgern oder nach Lourdes und Fatima, so sehr wünsche ich mir, dass wir uns daran erinnern, dass alles im Heiligen Land begonnen hat. Vergesst uns nicht! Betet für uns. Die jetzige Situation ist gerade für die Christen auch finanziell eine enorme Herausforderung. Ich fürchte, dass viele Christen hier keine Zukunft mehr sehen. Sie sind hervorragend ausgebildet und werden ihr Glück in der Fremde suchen.
Haben Sie Angst, dass es irgendwann keine Christen mehr im Heiligen Land geben wird?
Ich habe die große Sorge, dass das irgendwann hier mal so ein christliches Disneyland wird, wo Pilger kommen und die heiligen Stätten besuchen, aber eben keine Christen mehr leben, die seit 2000 Jahren die Tradition am Leben hielten. Denn wir Christen gehören hierhin, genauso wie die Juden und die Muslime und die Drusen und die Bahai und die Tscherkessen und die Samaritaner und alle anderen. Wir Christen gehören ebenfalls zu diesem Mosaik. Wir sind hier nicht Gäste, wir sind ein authentischer, autochthoner Teil des Landes.
Wenn man sieht, wie die Juden weltweit eine große emotionale Bindung haben zu Israel und die Muslime weltweit eine große emotionale Bindung zu Palästina und dann vergleicht, wie schwach die emotionale Bindung vieler Christen, vieler Katholiken zum Heiligen Land ist – also, da kann man sich wirklich was abschauen von den beiden anderen großen abrahamitischen Religionen.
