Young MedEthics 2026: Orientierung für junge Ärzte in ethischen Konflikten
Viele junge Ärzte, Pflegekräfte und Medizinstudenten fühlen sich auf die ethischen Konflikte ihres Berufs nur unzureichend vorbereitet. Zugleich wächst der Druck im Gesundheitswesen durch neue Debatten, beispielsweise zum assistierten Suizid.
Genau hier setzt die „Young MedEthics“ 2026 an: Anfang Mai findet sie in Wien statt und will jungen Berufstätigen im Gesundheitswesen Orientierung in medizinethischen Fragen geben. Im Gespräch mit CNA Deutsch erläutert Susanne Kummer, die Direktorin des Instituts für Medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE), warum Ausbildung und Klinikalltag hier oft an ihre Grenzen stoßen und weshalb eine solide ethische Grundlage für die Medizin heute wichtiger denn je ist.
Wo versagt das bestehende Ausbildungs- und Kliniksystem am deutlichsten – bei der Wissensvermittlung, bei der Gewissensbildung oder bei der konkreten Unterstützung im Berufsalltag?
Ich würde die Frage etwas anders stellen. Es geht nicht darum, welche der drei Ebenen am meisten versagt – Wissensvermittlung, Gewissensbildung und konkrete Unterstützung im Berufsalltag hängen ja untrennbar zusammen. Wenn aber die ethische Grundlage fehlt, geraten alle drei ins Wanken. Und Ethik ist im Kern nichts Abstraktes: Sie fragt, was wirklich gut ist für den Menschen, der mir gegenübersteht. Sie befähigt, Probleme überhaupt erst als ethische Probleme zu erkennen, die richtigen Fragen zu stellen, Antworten zu finden – und dann auch danach zu handeln. Genau das wird in der Ausbildung zu oft übersprungen. Wir investieren enorm in technisches Wissen, aber wir bilden kaum das Urteilsvermögen aus, das man braucht, wenn es um eine Entscheidung am Bett eines Sterbenden geht und man nicht weiß, woran man sie orientieren soll.
Was wir in den Gesprächen mit Studierenden und Berufsanfängern immer wieder hören, ist aber vor allem das Gefühl allein gelassen zu sein, wenn es darauf ankommt, im konkreten Moment. Eine junge Ärztin in der Ambulanz steht plötzlich mitten in einem End-of-Life-Gespräch, weil niemand sonst da ist und der Patient mit der Diagnose Krebs jetzt reden möchte. Sie war für diese Situation schlicht nicht vorbereitet. Das ist symptomatisch. 90 Prozent der Absolventen der MedUni Wien wollen laut einer Studie von 2024 besser auf ethische Entscheidungssituationen vorbereitet werden. In Deutschland und der Schweiz sieht es nicht besser aus. 66 Prozent fürchten sich vor ethisch schwierigen Situationen, vor allem am Lebensende. Diese Zahlen sind ein Alarmsignal.
Die fehlende Unterstützung im Berufsalltag halte ich dabei für besonders dringlich, weil sie direkte Konsequenzen hat: Sie führt zu moralischem Stress, zu therapeutischem Übereifer, zu Burnout, zu Drop-outs. Junge, hochmotivierte Menschen verlassen den Beruf, weil sie mit dem konfrontiert werden, worauf niemand sie wirklich vorbereitet hat. Das können wir uns nicht leisten: menschlich nicht, und auch versorgungspolitisch nicht.
Welche Konfliktfelder halten Sie derzeit für besonders unterschätzt – gerade im deutschsprachigen Raum?
Klar unterschätzt ist das Thema, das wir im Programm unter dem Titel „Wie bleibe ich selbst heil?” verhandeln: die Frage der inneren Integrität und Resilienz derjenigen, die im Gesundheitsbereich arbeiten. In der öffentlichen Debatte dreht sich alles um Patientenrechte, Autonomie, Kosten und Ökonomisierung. Aber wer fragt: Was passiert eigentlich mit der Ärztin, der Pflegefachkraft, der täglich mit dem Sterben konfrontiert ist? Was passiert mit dem jungen Arzt, der Entscheidungen zur Übertherapie im Team miterlebt und dagegen nichts tun kann? 81 Prozent der Ärzte und Pflegenden fühlen sich laut einer deutschen Studie nicht vorbereitet auf den Umgang mit sterbenden Patienten. Das ist eine erschreckende Zahl, insbesondere jetzt wo die Beihilfe zum Suizid bzw. aktive Sterbehilfe in vielen europäischen Ländern erlaubt ist.
Das zweite unterschätzte Thema ist der Zusammenhang zwischen echter Patientenautonomie und guter Fürsorge. Autonomie und Fürsorge werden als Gegensatz gedacht, obwohl sie zusammengehören. Es braucht Ärztinnen und Ärzte, Pflegende, die beides können. Die Selbstbestimmung ist ein hohes Gut, gerade ältere Menschen fühlen sich oft nicht ernstgenommen, da ist viel Luft nach oben. Gleichzeitig ist nicht jeder Wunsch eines Patienten gleichbedeutend ein Befehl für den Arzt, alles durchzuführen, Diese Spannung auszuhalten und konstruktiv zu gestalten, ist eine Kernkompetenz, die kaum systematisch eingeübt wird.
Welche anthropologischen Grundannahmen tragen Young MedEthics – und worin unterscheiden sie sich von einem rein funktionalen Verständnis von Medizinethik?
Young MedEthics steht und fällt mit einer bestimmten Antwort auf die Frage: Was ist der Mensch? Und was heißt es, ihm in Krankheit, Leid und Sterben zu begegnen?
Für uns ist das christlich-humanistische Verständnis des Menschen leitend, das ihn als ein Wesen anerkennt, das in seiner Würde unverfügbar ist – unabhängig von Leistung, Nützlichkeit, Heilungschancen. Das klingt abstrakt, hat aber unmittelbar praktische Konsequenzen: Wer den Menschen so sieht, kann nicht Medizin als bloßes Reparaturgeschäft betreiben. Wer so denkt, fragt nicht nur: „Was kann ich tun?“ – sondern immer auch: „Was soll ich tun – oder vielleicht lassen? Was schulde ich diesem Menschen?“
Ein rein funktionales Verständnis von Medizinethik reduziert den Arzt oder die Pflegefachkraft auf einen professionellen Dienstleister, der Interessenabwägungen vornimmt und Prozesse optimiert. Ethik wird dann zu Compliance und vielfach auf rechtliche Fragen reduziert: Man vermeidet Fehler, man hält sich an Leitlinien, man minimiert Haftungsrisiken. Das greift zu kurz. Denn im Herz der pflegerisch-ärztlichen Begegnung steht immer ein Mensch, der verletzbar ist, der leidet, der stirbt – und der jemand ist, der professionellen Beistand braucht. Diese Begegnung ist nicht primär ein rechtliches oder technisches Problem. Sie ist ein zutiefst menschliches Geschehen, das an Werte und Normen geknüpft ist.
Was Young MedEthics deshalb bieten will, ist keine bloße Regelkunde, sondern Orientierung: Wo stehe ich? Was trägt mich? Wie handle ich nach meinem Gewissen, auch wenn es schwierig ist? Das setzt voraus, dass man Gewissen überhaupt als etwas ernst nimmt, das gebildet und gestärkt werden kann – und nicht bloß als rein subjektives Bauchgefühl oder etwas, das man in der Garderobe, im Spint abgibt.
Welchen spezifischen Beitrag kann die katholische Kirche heute zur medizinethischen Orientierung junger Gesundheitsberufe leisten?
Die katholische Kirche hat in 2000 Jahren eine außerordentlich reiche Tradition der Krankenbegleitung, der Hospizbewegung, der Medizinethik entwickelt. Sie hat Krankenhäuser gegründet, Pflegeorden hervorgebracht, theologisch-philosophisch über den leidenden Menschen nachgedacht – lange bevor „Medizinethik“ ein akademisches Fachgebiet wurde. Dieses Erbe ist ein Schatz, den es zu heben gilt und Positionen einnimmt, die meines Erachtens sehr aktuell und anschlussfähig sind. Weil sie den Menschen in seiner Würde hochhält.
Der spezifische Beitrag der Kirche liegt heute meines Erachtens vor allem in drei Bereichen: Erstens in der Bereitstellung eines tragfähigen Menschenbildes, das der reduktionistischen Versuchung widersteht, die Würde des Menschen an seine Funktionsfähigkeit, an seinen Willen oder seine Leistung zu binden. Das ist gerade dort entscheidend, wo der politische und gesellschaftliche Druck wächst, das Leben am Lebensende oder am Lebensanfang als weniger schützenswert einzustufen.
Zweitens in der Pflege der Gewissenskultur: Die Kirche nimmt das Gewissen des Einzelnen ernst – auch das Gewissen des Arztes, der Ärztin, der Pflegefachkraft, die sich weigert, an Praktiken mitzuwirken, die sie für falsch halten, zum Beispiel an der Tötung eines Menschen mitzuwirken. In einer Zeit, in der Gewissensfreiheit im Gesundheitsbereich zunehmend unter Druck gerät, ist das keine Nebensache.
Drittens – und das wird oft unterschätzt – in der spirituellen und menschlichen Begleitung von Kranken und von denen, die sie betreuen. Spiritualität ist für viele Menschen im Gesundheitswesen eine stille, aber äußerst wirksame Ressource, unabhängig von formaler Religionszugehörigkeit. Sie hilft, Erfahrungen von Leid, Scheitern und Endlichkeit nicht nur funktional abzuarbeiten, sondern in einen größeren Sinnhorizont zu stellen. Für junge Ärztinnen, Pflegende oder Therapeutinnen kann das den Unterschied machen zwischen innerer Verhärtung und einer Haltung, die trotz allem offen und mitfühlend bleibt.
In Young MedEthics nehmen wir ernst, dass viele Teilnehmende aus einer religiösen oder spirituellen Tradition kommen – und dass auch andere nach etwas suchen, das über das rein Funktionale hinausweist. In unseren Kursen schaffen wir Raum für die Frage: Was trägt mich, wenn es schwierig wird? Woher nehme ich Hoffnung, wenn klinisch nichts mehr „zu machen“ ist?
Spiritualität ist kein Ersatz für professionelle Kompetenz, aber sie kann eine Kraftquelle sein, um das eigene Tun zu verorten und Grenzen anzunehmen. In diesem Sinn ermutigen wir junge Menschen in Gesundheitsberufen, ihre je eigenen spirituellen Wurzeln oder Suchbewegungen ernst zu nehmen. Denn wenn man anderen in existenziellen Krisen beisteht, braucht man selbst einen inneren Ort, an dem man steht und den man pflegt.
Die „Young MedEthics“ Konferenz findet am 8./9. Mai 2026 in Wien statt. Anmeldung und nähere Informationen unter www.youngmedethics.com und www.imabe.org. Das Projekt „Young MedEthics“ für den DACH-Raum ist spendenfinanziert.
