Pater Anastasius und Pater Hugo: Ein Mönch, der zwei Namen hatte
Der Klostermann war sowohl Pater Hugo als auch Pater Anastasius. Er stammte aus Speicher in der Eifel, wo er am 8. Mai 1876 in der Töpferfamilie Plein-Wagner geboren wurde und bei der Taufe den Namen Jakob bekam. Nach Schule, Studium, Wehrdienst und seiner beruflichen Tätigkeit als Kaufmann im Familienunternehmen wurde er 1905 Trappistenmönch in der Abtei Mariastern bei Banja Luka in Bosnien. Der 29-jährige Deutsche erhielt bei seiner Einkleidung den Namen Frater Maria Anastasius. Hochbetagt starb er 57 Jahre später im Jahr 1962 als Pater Hugo in einer englischen Kartause.
Am Ende seines Lebens notierte er: „Wie hat das Schicksal grausam mit mir verfahren, mir wuchtige Schläge versetzt und doch musste es so sein, die Vorsehung hat alles zu meinem Besten gelenkt.“
Von diesem Schicksal berichtet das vorzustellende Buch „Pater Hugo. Biografie eines Klostermannes“. Die Vorderseite des Buchumschlags seiner Biografie zeigt einen Militärgeistlichen im Ersten Weltkrieg: Pater Anastasius Plein. Er musste als Mönch von Mariastern, nachdem er 1913 die Priesterweihe empfangen hatte, mit Beginn des Krieges auf Seiten des deutschen Kaiserreiches „dienen“.
Bosnien stand damals unter österreichisch-ungarischer Verwaltung, doch das Sagen hatte der Osmanische Sultan. In der Stadt Banja Luka lebten etwa 15.000 Einwohner, von denen die Hälfte dem Islam anhingen. Die Abtei Mariastern wurde 1869 von Franz Pfanner, einem Trappisten aus der Abtei Mariawald in der Eifel, gegründet. Das bosnische Kloster, das damals noch vor der Stadt am Fluss Urbas lag, entwickelte sich rasch und beherbergte bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs über 200 Mönche.
Nach dem Krieg wurde allen deutschen Mönchen die Rückkehr in ihr Kloster verwehrt. Sie mussten sich eine neue Bleibe suchen. Pater Anastasius ging für kurze Zeit zurück zu seiner Familie nach Speicher. Er kannte das nahe, nur noch aus Ruinen bestehende ehemalige Zisterzienserkloster Himmerod, das er von Kindesbeinen an immer wieder besuchte. Dieses Kloster war in den Jahren 1134/35 vom heiligen Bernhard von Clairvaux (1090-1153) gegründet worden. Seit der Vertreibung der Zisterziensermönche im Zuge der Säkularisation des Jahres 1802 lag Himmerod verlassen im Tal der Salm. Die Gebäude wurden geschleift, die Natur holte sich das Klostergelände zurück.
Der Trappistenpater Anastasius war entschlossen, dieses Zisterzienserkloster wieder zu errichten. Mit einigen Mitbrüdern machte er sich sofort an die Arbeit, das schier unmögliche Projekt umzusetzen. Nachdem am 15. Oktober 1922 die Wiederbesiedelung und Neugründung erfolgt war, nahm Pater Anastasius seinen Abschied: „In Himmerod war glatte Bahn, als ich von dort schied.“
So wie er es für sich geplant hatte, trat er wenige Wochen danach, am 2. Dezember 1922, in die Kartause Maria Hain bei Düsseldorf ein. Er wollte endlich ein einfaches Mönchsleben führen. Von den Kartäusern erhielt Anastasius seinen neuen Ordensnamen: Pater Hugo Maria. Nach seiner Profess im Februar 1925 wurde er ungewollt zum Prokurator (Verwalter) ernannt, so dass er wiederum mit Geschäften aller Art zu tun hatte. „Das Amt des Prokurators in Hain hatte ich nur noch mit Widerwillen übernommen, nachdem mein vorangegangenes Ordensleben in Mariastern und Himmerod mit zwischenliegendem Krieg in äußerlichen Verwaltungstätigkeiten aufgegangen war.“
Auch hier, wie in seinen vorangehenden Klosterjahren, erfuhr er eigene Unzulänglichkeiten und die anderer Personen. In einem Brief an seine Schwester notiert Pater Hugo: „Wenn’s auch nicht am Troste fehlt, die menschliche Schwäche und Hinfälligkeit sorgt schon dafür, dass das Streben nach Vollkommenheit immer wieder Überwindung kostet.“
Während er in seinem Leben stets selbst entschieden hatte, wohin ihn sein Lebensweg führt, wird der letzte große Schritt in Pater Hugos Leben von den Vorgesetzten im Kartäuserorden bestimmt: Angesichts des zunehmenden Naziterrors, der sich auch gegen Ordensleute und Klöster richtet, wird er 1936 zu seinem eigenen Schutz in die Kartause im englischen Parkminster versetzt. Hier starb er nach langer Krankheit am 5. Februar 1962.
Die Geschichte dieses ereignisreichen Lebens des Klostermannes Pater Hugo wurde von seinem Urgroßneffen Michael J. Plein aufgeschrieben. Er gründet seine Arbeit wesentlich auf Briefe und Schriften, die der Urgroßonkel an die Familie in Speicher in der Eifel geschrieben hatte. In den Manuskripten, die in einem umfangreichen Familienarchiv aufbewahrt werden, „ist auffallend“, welch „obsessives Interesse an Himmerod“ der „Klostermann“ hatte. Plein schreibt in seinem mit zahlreichen Fotos ausgestattet Buch, dass die „biografischen Puzzleteile“ aus dem „umfangreichen Material extrahiert“ und entsprechend zusammengefügt werden mussten. Er weist darauf hin, in dem Buch gehe es „vorrangig um die Person Pater Plein, seine persönliche Entwicklung von Kindheit an bis ins hohe Alter, sowie seine Motivation, Klostermann zu werden“.
In seinen vielen Briefen und Schriften hat Pater Maria Anastasius bzw. Pater Hugo Maria in kürzeren und längeren Abschnitten das Leben der Mönche sehr authentisch, aber aus seinem persönlichen Blickwinkel beschrieben. Bemerkenswert war sicherlich seine große, fast maßlose Hingabe an die Verwirklichung der Wiedererrichtung von Kloster Himmerod.
Er war ein rastloser Mann, der sich immer mit ganzer Kraft für das ihm Aufgetragene und ihm wichtig erscheinende einsetzte. Womöglich war sein Charakter nicht immer einfach, denn es ist offensichtlich, dass er manchmal nachtragend war und sich gekränkt fühlte. In seinen Briefen finden sich solche Hinweise. Sogar der Prior von Parkminster lässt dies in einem Brief, den er an die Familie schrieb, als Pater Hugo Maria bereits krank war und kaum noch am gemeinsamen Chorgebet teilnehmen konnte, durchblicken: „… ich könnte nicht sagen, dass seine Laune immer sehr munter ist!“
Das vorgestellte Buch über das Leben dieses Klostermannes ist spannend und geschichtsbildend. Es sei insbesondere jenen empfohlen, die am Leben der Mönche und an der Wiedererrichtung von Kloster Himmerod interessiert sind – ein Kloster freilich, das freilich nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil bald mit Nachwuchsmangel zu kämpfen hatte und nun schon seit einigen Jahren wieder brach liegt.
Dem Autor und Herausgeber des Buches, das bisher leider nur im Selbstverlag bei „Books on Demand“ erscheinen konnte, sei für alle seine Mühen herzlich gedankt. Die Möglichkeit einer verbesserten Neuherausgabe bei einem deutschen Verlagshaus ist zu wünschen
