Kardinalstaatssekretär Parolin ruft Christen auf, zu „Stimmen des Friedens“ zu werden

Kardinalstaatssekretär Parolin ruft Christen auf, zu „Stimmen des Friedens“ zu werden

Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin hat vor der Gefahr gewarnt, dass auf der internationalen Bühne die „Logik des Stärkeren“ die Oberhand gewinnt. Er rief die Christen dazu auf, zu „Stimmen des Friedens“ zu werden, die Papst Leo XIV. nicht im Stich lassen.

In einem Interview mit der Kulturzeitschrift Dialoghi, die der italienischen Katholischen Aktion nahesteht, erklärte der Kardinal, dass die Stimme der Päpste zwar „prophetisch“ sei, aber Gefahr laufe, zu „einer Stimme in der Wüste“ zu werden, „wenn sie nicht konkret unterstützt und gefördert wird“.

Parolin erinnerte an den Präzedenzfall des Irakkriegs im Jahr 2003, als Papst Johannes Paul II. dazu aufrief, den Konflikt zu vermeiden, aber „allein gelassen wurde“. Deshalb betonte er die Notwendigkeit, den Aufruf des derzeitigen Papstes zu einem „unbewaffneten und entwaffnenden“ Frieden zu unterstützen und „die falsche Propaganda der Wiederaufrüstung“ zurückzuweisen.

Mehr Stimmen gegen „Wahnsinn“ der Aufrüstung

„Es bräuchte mehr Stimmen für den Frieden, mehr Stimmen gegen den Wahnsinn des Wettrüstens, mehr Stimmen, die sich für unsere ärmsten Brüder und Schwestern erheben, mehr Stimmen und mehr Vorschläge – ich denke zum Beispiel an die Welt der katholischen Kulturvereine – für neue Wirtschaftsmodelle, die von Gerechtigkeit und der Fürsorge für die Schwächsten inspiriert sind, statt vom Götzendienst des Geldes“, erklärte er.

Der Kardinal zeichnete ein besorgniserregendes Bild, wonach sich die militärische Option scheinbar mühelos durchsetzt: „Es beeindruckt mich, mit welcher Entschlossenheit – ich hätte fast gesagt: Leichtigkeit – die kriegerische Option als die entscheidende, fast unvermeidliche Lösung dargestellt wird.“

Laut dem Kardinalstaatssekretär hat diese Tendenz die Diplomatie praktisch „sprachlos“ gemacht, unfähig, alternative Instrumente zu aktivieren, während das Bewusstsein für die Tragödie des Krieges und den Wert gemeinsamer Regeln verloren geht.

Doppelmoral bei Empörung über Kriege

Seiner Analyse zufolge liegt die Wurzel des Problems in einem „Multipolarismus, der vom Primat der Macht inspiriert ist“, in dem Staaten mehr auf Gewalt als auf das Völkerrecht vertrauen. Dies führe zu „Doppelmoral“, die – wie er anmerkte – in den unterschiedlichen Reaktionen auf die Bombardierungen von Zivilisten in der Ukraine und die Zerstörungen im Gazastreifen sichtbar werde.

„Viele Regierungen“, betonte Parolin, „haben sich über die Angriffe russischer Raketen und Drohnen auf ukrainische Zivilisten empört und Sanktionen gegen die Angreifer verhängt“. Er habe „nicht den Eindruck, dass dies bei der Tragödie der Zerstörung Gazas der Fall war“.

Für den Kardinal handelt es sich um eine „Anwendung von zweierlei Maß“: „Es scheint an Bewusstsein für den Wert des Friedens zu mangeln, an Bewusstsein für die Tragik des Krieges, an Bewusstsein für die Bedeutung gemeinsamer Regeln und deren Einhaltung.“

Er bedauerte nicht nur, dass die globale Architektur der Diplomatie zunehmend geschwächt werde, sondern bezeichnete es auch als „Utopie“, zu glauben, dass Frieden „durch Waffen und durch das von den Stärksten auferlegte Gleichgewicht garantiert werde, anstatt durch internationale Abkommen“.

„Wir dürfen uns nicht der Logik des Stärkeren beugen“

Angesichts dieser Situation forderte Parolin „einen Aufschwung an Menschlichkeit und Verantwortung“, der die Würde des Menschen wieder in den Mittelpunkt rückt.

„Wir dürfen uns nicht der Logik des Stärkeren beugen“, betonte der Kardinal, denn diese Logik „beugt das Völkerrecht den eigenen Interessen“ und schwäche die multilateralen Organisationen.

In diesem Zusammenhang bedauerte der Kardinal, dass Europa nicht in der Lage sei, mit einer Stimme zu sprechen, und wies auf die Notwendigkeit hin, „in den Völkern das Gefühl der europäischen Zugehörigkeit wiederzubeleben und bei den Führungskräften das Bewusstsein für die Notwendigkeit gemeinsamer Maßnahmen zu schärfen, ohne dabei jemals die Grundsätze zu vernachlässigen, auf denen die Europäische Union selbst beruht“.

Was die Vereinten Nationen angeht, so ist der Heilige Stuhl laut Parolin weiterhin von ihrer Bedeutung überzeugt, „da internationale Organisationen von grundlegender Bedeutung sind, um die Logik des Stärkeren einzudämmen“. Er räumte jedoch ein, dass die Anwendung des Vetorechts deren Handlungsfähigkeit eingeschränkt habe. „Wir dürfen nicht von der Macht des Rechts zum Recht der Macht übergehen“, warnte er.

Der Kardinal hob auch die Rolle hervor, die Gläubige spielen können. In seinen Ausführungen erwähnte er den Schutz des Lebens und der Menschenwürde, die Religionsfreiheit, die Förderung von Korrekturen am Wirtschafts- und Finanzsystem gemäß der Soziallehre der Kirche sowie die Bewahrung der Schöpfung.

Schließlich ging der Kardinal auf die kulturellen Auswirkungen der neuen Technologien ein. Seiner Ansicht nach tragen Hyperkonnektivität und die Verbreitung von Fake News dazu bei, Ängste zu schüren und neue Mauern zu errichten. „Als Christen müssen wir uns dieser Fehlentwicklung mit unserem täglichen Leben entgegenstellen“, fordert er.

Übersetzt und redigiert aus dem Original von ACI Prensa, der spanischsprachigen Partneragentur von CNA Deutsch.

Werden Sie Teil der EWTN-Familie. Abonnieren Sie unseren Newsletter!

*Ich möchte zukünftig den wöchentlichen Newsletter von EWTN.TV mit Impulsen, Programmtips und Informationen rund um Ihren katholischen Fernsehsender per E-Mail empfangen. Diese Einwilligung kann am Ende jedes Newsletters widerrufen werden. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.