Rede vom „christlichen Abendland“ greift laut DBK „theologisch und historisch zu kurz“
Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) hat am Freitag einen „Zwischenruf“ veröffentlicht, der sich mit dem „Selbstverständnis Europas in einer sich verändernden Welt“ befasst. Darin heißt es, die „heute wieder zunehmende und exklusivistisch gemeinte Rede vom ‚christlichen Abendland‘ greift theologisch und historisch zu kurz“.
„Der christliche Glaube ist seinem Selbstverständnis nach universal und nicht an eine bestimmte kulturelle oder politische Ordnung gebunden“, erläuterten die Bischof. „Das Christentum hat das heutige Europa wesentlich geprägt, ohne es exklusiv zu definieren.“
„Eine Vorstellung von Europa als religiös oder kulturell homogenem ‚Einheitseuropa‘ verkennt daher sowohl die Mehrdimensionalität europäischer Geschichte als auch das christliche Verständnis von Freiheit, Würde und Verantwortung. Das Christentum hat vielmehr der römischen Rechts- und der griechischen Demokratietradition das Verständnis von der Würde und grundlegenden Gleichheit aller Menschen hinzugegeben. Ohne diese hätten sich in Europa der Rechtsstaat und die Demokratie nicht in ihrer heutigen Form ausgeprägt, die jedem Menschen seine individuelle Freiheit in Verantwortung ermöglicht.“
„In einem oft zitierten Bild lässt sich Europa auf drei historischen Hügeln verorten“, argumentierte die DBK, nämlich „auf Athen, wo die Idee der Demokratie ihren Ursprung hat; auf Rom, das für das Recht als ordnende Kraft steht; und auf Jerusalem, das mit dem jüdisch-christlichen Glauben die Vorstellung von der unveräußerlichen Würde jedes Menschen eingebracht hat“.
Trotz dieser einschränkenden Worte zur Rolle des Christentums – und bis zur Zeit von Martin Luther vor rund 500 Jahren war es die katholische Kirche – fanden die Bischöfe auch klare Worte der Würdigung: „Europäische Pilgerwege verdeutlichen, wie das Christentum Europa bis heute prägt und verbindet. Im Kreuz als vertrautem Zeichen auf Kirchen, in den Beiträgen von Klöstern und Universitäten zu Kultur, Bildung und Wissenschaft zeigt sich eine geistige Tradition, die über Jahrhunderte gewachsen ist.“
„In Europas Werten spiegelt sich die biblische Botschaft von Solidarität und Nächstenliebe“, so die Bischöfe außerdem. „Der christliche Glaube und seine sozialethischen Prinzipien waren für viele Gründerväter und -mütter ein Antrieb, der gemeinsam mit der Aufklärung das geistige Fundament Europas prägt“.
Die Kirche habe „eine Verantwortung für Europa“, stellte die DBK klar. „Sie kann und darf nicht schweigen, wenn das Projekt der europäischen Einigung in Gefahr gerät.“
Europa müsse „die Ordnung, die es nach dem Kalten Krieg mitgeprägt hat, politisch und institutionell aktualisieren und die Attraktivität seines Modells herausstellen. Es braucht eine gemeinsame Anwaltschaft für das vereinte Europa – als ein sichtbares und erneuertes Bekenntnis: für Frieden, Kooperation, die Stärke des Rechts und die gleiche Würde aller Menschen.“
Das Christentum müsse „einen positiven, wertebasierten Beitrag zur Demokratie und zur europäischen Integration leisten. Dieser Beitrag ist grundgelegt in der Botschaft des Evangeliums, in der wahrer Frieden zugleich Geschenk Gottes und ein Auftrag an alle Menschen ist. Das beinhaltet die Verteidigung von Demokratie und Recht, nicht als bloßer Zusatz zu wertegeleiteter Politik, sondern als deren Kern: Wo internationales Recht relativiert wird und das Recht des Stärkeren den Ton angibt, droht auch die Würde des Menschen verhandelbar zu werden. Europa verlöre damit sein moralisches und politisches Profil.“
Konkret forderten die Bischöfe „einen mutigen Zusammenschluss innerhalb Europas, als entschiedene Selbstbehauptung durch Zusammenhalt. Dazu gehören der unerschütterliche Wille zu fairer und solidarischer Zusammenarbeit in subsidiären Strukturen und gemeinsamen Institutionen sowie ein klares Bekenntnis zu Europas ideellem Fundament – zu Menschenwürde, Menschenrechten, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Multilateralismus.“
„Europa braucht ein Sicherheits- und Verteidigungskonzept, mit dem es mittelfristig in der Lage ist, sich selbst zu verteidigen und seine Rolle in der NATO glaubwürdig wahrzunehmen“, hieß es in dem „Zwischenruf“. „Nach außen muss Europa jetzt erst recht als Motor multilateraler Lösungsansätze auftreten, von der Klima- über die Handels- bis hin zur Sicherheitspolitik. Europäische Fähigkeiten müssen gebündelt werden, um technologisch und wirtschaftlich handlungsfähig zu bleiben, ohne das Ziel sozialer Gerechtigkeit aufzugeben. Vor allem aber braucht Europa eine Erzählung der Hoffnung!“
