Papst Leos Reise nach Spanien und die Polarisierung der dortigen Gesellschaft

Papst Leos Reise nach Spanien und die Polarisierung der dortigen Gesellschaft

Der Besuch von Papst Leo XIV. in Spanien findet in einem politischen und gesellschaftlichen Umfeld statt, das von einer starken Polarisierung geprägt ist.

Die angespannte Stimmung fällt zudem mit einem in der spanischen Demokratie beispiellosen Ereignis zusammen: der Anklage wegen mutmaßlicher Korruption gegen einen ehemaligen Regierungschef, den Sozialisten José Luis Rodríguez Zapatero, der dieses Amt innehatte, als Benedikt XVI. vor 15 Jahren das Land besuchte.

Die für den kommenden 2. Juni – nur vier Tage vor der Papstreise – vorgesehene Anklageerhebung gegen Zapatero vor der Audiencia Nacional im Zusammenhang mit seiner mutmaßlichen Verwicklung in einen Skandal rund um die staatliche Rettung der Fluggesellschaft Plus Ultra im Jahr 2021 erhöht den Druck auf ein ohnehin schon angespanntes politisches Umfeld.

Sánchez trifft sich am Mittwoch mit dem Papst

All dies wirkt sich auf die Stabilität der Regierung von Pedro Sánchez aus – der sich am Mittwoch im Vatikan mit dem Papst treffen wird –, die auch von einigen seiner Koalitionspartner in Frage gestellt wird, wie etwa der Baskischen Nationalistischen Partei, die es als „Verantwortungslosigkeit“ bezeichnet hat, vor Jahresende keine Parlamentswahlen anzusetzen.

Trotz dieses Kontextes spielte der Erzbischof von Madrid, José Cobo, die Auswirkungen des Falls auf den Papstbesuch herunter. „Wir sind es gewohnt, mit vielen Ereignissen im politischen Leben umzugehen. Das gehört nun einmal zum Leben dazu, und die Schlagzeilen wechseln ständig“, erklärte er in einem Interview mit EWTN.

Die Polarisierung beschränkt sich jedoch keineswegs auf den politischen Bereich, sondern hat die Gesellschaft tiefgreifend durchdrungen. Laut dem Polarisierungsatlas von More in Common (2025) haben im letzten Jahr fast fünf Millionen Spanier aufgrund ideologischer Meinungsverschiedenheiten eine persönliche Beziehung abgebrochen, was 14 Prozent der Bevölkerung entspricht. Zudem vermeiden drei von fünf Bürgern es, über Politik zu sprechen, um Konflikte zu vermeiden.

Für den Juristen Rafael Domingo Oslé, Professor für Römisches Recht an der Universität von Navarra, spiegelt dieses Phänomen eine gravierende Verschlechterung des öffentlichen Raums wider. „Spanien erlebt eine Zeit tiefer sozialer Zersplitterung, die durch eine politische Klasse verschärft wird, die unfähig ist, den Ton zu mäßigen“, erklärte er in einem Interview mit ACI Prensa, der Partneragentur von CNA Deutsch. Seiner Meinung nach ist die Zahl der persönlichen Brüche „ein Symptom dafür, dass wir den Respekt verlieren, der notwendig ist, damit eine Gesellschaft nicht zerfällt“.

Eine andere Sprache

In diesem Zusammenhang erhält der Besuch des Papstes eine besondere Bedeutung. Nicht so sehr als sofortige Lösung – was Domingo selbst ausschloss –, sondern als das Auftreten einer Stimme, die in der Lage ist, eine andere Sprache in die öffentliche Debatte einzubringen.

„Ein Papstbesuch allein löst eine Krise dieser Art nicht. Aber er kann etwas bewirken, was die Politik aufgrund ihrer eigenen Logik nicht mehr schafft: einen gemeinsamen Rahmen und eine gemeinsame Sprache bieten“, erklärte er. Der Schlüssel liege in der einzigartigen Stellung des Pontifex: „Der Papst kommt nicht als Schiedsrichter einer ideologischen Debatte, sondern als Hirte, der eine erschöpfte Gesellschaft daran erinnert, dass jeder Mensch – egal, wen er wählt – eine Würde besitzt, die über seine Meinungen hinausgeht.“

Diese Situation hat zu einer in der jüngsten spanischen Politik ungewöhnlichen Geste geführt: der einstimmigen Einladung des Papstes durch die Präsidien der beiden Kammern des Parlaments. „In einem Land, in dem ein parlamentarischer Konsens fast unmöglich ist, haben alle Kräfte zugestimmt, auf dieselbe Stimme zu hören. Das ist an sich schon eine heilsame Geste“, betonte Domingo.

Leo wird am kommenden 8. Juni in einer gemeinsamen Sitzung der Cortes Generales sprechen. Es ist das erste Mal, dass ein Papst vor den beiden spanischen Gesetzgebungskammern auftritt. Das Motto der Reise, „Erhebt den Blick“, fasse den Geist des Besuchs zusammen: „Aufhören, sich nur auf die unmittelbare Konfrontation zu konzentrieren, und auf das blicken, was wirklich zählt“, so der Jurist.

Parallel dazu hat die Enzyklika Magnifica humanitas in der spanischen Politik großen Anklang gefunden.

In einer im sozialen Netzwerk X veröffentlichten Botschaft betonte Regierungschef Pedro Sánchez: „Die Enzyklika Magnifica humanitas von Leo XIV. richtet sich an uns alle. KI ist nicht neutral, und die digitale Macht kann zu neuen Gräueltaten führen, wenn sie nicht auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist. Der Text ist auch ein Plädoyer für Frieden, Menschenwürde und Multilateralismus. Spanien ist sich darüber im Klaren: In dieser Zeit des Wandels dürfen wir keine resignierten Zuschauer sein. Es steht alles auf dem Spiel, was uns zu Menschen macht.“

In diesem Sinne hob Außenminister José Manuel Albares nach seiner Audienz beim Papst am 4. Mai gegenüber der Presse die Übereinstimmung zwischen Spanien und dem Vatikan hervor. „Es gibt derzeit eine große Übereinstimmung zwischen den Positionen des Vatikans und der humanistischen Außenpolitik Spaniens.“

Reibungspunkte zwischen Kirche und spanischem Staat

Trotz dieser Gemeinsamkeiten sind die Spannungen zwischen der Kirche und der Politik nach wie vor erheblich. In den letzten Jahren hat sich die kirchliche Institution als unbequemer Akteur für alle politischen Lager etabliert.

Einer der sichtbarsten Brennpunkte ist die Neudeutung des Valle de los Caídos, eines Denkmals für die Opfer beider Seiten des Spanischen Bürgerkriegs (1936–1939), das aus einer Basilika, einem Friedhof und einer Herberge besteht. 44 Jahre lang waren die sterblichen Überreste von Francisco Franco dort beigesetzt, bis sie 2019 exhumiert wurden.

Die derzeitige Regierung hat die Umwandlung des Denkmals in einen Ort der demokratischen Erinnerung vorangetrieben – ein komplexer Prozess, in dem die Kirche auf den Dialog und die Bewahrung der religiösen Dimension des Denkmals gesetzt hat.

Der italienische Verfassungsrechtler Marco Olivetti warnte bei einer Pressekonferenz an der LUMSA-Universität, dass „die historische Erinnerung als spaltendes Element genutzt wurde, das die öffentliche Wahrnehmung der Kirche prägt“.

Hinzu kommen Konflikte in der Gesetzgebung, wie der Versuch, Abtreibung in der Verfassung zu verankern, oder die Vorschläge zur Abschaffung der Militärseelsorger, die zu einer direkten Konfrontation mit der Lehre der Kirche geführt haben.

Die Kritik an der Kirche kommt jedoch nicht nur von der Linken. Die Verteidigung der Migranten durch die Bischöfe, einschließlich ihrer Unterstützung für den von der Regierung auf den Weg gebrachten Plan zur Legalisierung von Migranten, von dem fast eine halbe Million Menschen profitieren würden, die bereits vor dem 1. Januar 2026 in Spanien lebten, hat auch Vorwürfe aus konservativen Kreisen hervorgerufen.

So griff beispielsweise Santiago Abascal, der Vorsitzende der Partei Vox – einer Partei, die sich selbst als katholisch bezeichnet –, den Generalsekretär der spanischen Bischofskonferenz (CEE), César García Magán, scharf an: „Dieser Typ traut sich nie, die mafiöse Regierung zu kritisieren. Denn die Regierung verschafft ihm durch die Invasion seine Geschäfte. Und das ist seine Priorität: das Geschäft. Und die tiefe Verachtung gegenüber den Spaniern, die ihr Vaterland verteidigen wollen.“

Gefahr der Instrumentalisierung der Worte des Papstes

Der Papstbesuch ist in einem Klima starker Polarisierung nicht ohne Risiken. „Die eine Partei wird das hervorheben, was ihr nützt, und den Rest verschweigen. Eine andere wird das Gegenteil versuchen. Das ist unvermeidlich“, warnte Domingo. Er hob jedoch die Erfahrung des Heiligen Stuhls hervor, „Reden zu verfassen, die in ihrer Gesamtheit Bestand haben“: „Den Papst aus dem Zusammenhang zu reißen ist relativ einfach, ihn zu widerlegen ist viel schwieriger.“

Kardinal Cobo teilt diese Sorge angesichts der Möglichkeit parteipolitischer Interpretationen der Rede, die der Papst vor dem Parlament halten wird: „Ich glaube, dass dies auch eine sehr kirchliche Geste ist, denn sie bedeutet, auch der christlichen Tradition zuzuhören, wenn sie über Politik spricht – allerdings über Politik mit großem P. In einer Gesellschaft, in der wir es gewohnt sind, von Parteien zu sprechen, ist dieser Moment wichtig. Die Befürchtung ist nämlich, dass wir versuchen könnten, eine Rede über Politik mit großem P in eine parteipolitische Rede zu zwängen, als stünden sie sich gegenseitig gegenüber. Das ist die Befürchtung.“

Der Kontext wird zudem durch den Aufschwung identitären Diskurses rund um das Christentum verschärft. Der Soziologe Rafael Ruiz Andrés, Professor an der Universidad Complutense, warnte in einem Interview mit ACI Prensa, es gebe „eine ganze Reihe von Gruppierungen, die vor allem im rechtsextremen Spektrum angesiedelt sind, konkret in Spanien in der Partei Vox, die in ihren Grundsätzen die Verteidigung der christlichen Kultur vorgeben wollen“. Er schränkte jedoch ein, dass es sich „nicht unbedingt um eine Verteidigung auf religiöser Grundlage“ handle, sondern vielmehr um eine Verteidigung, die mit „der identitären Kultur und in vielen Fällen im Gegensatz zum Islam“ verbunden sei.

Seiner Ansicht nach ist eine der Sorgen von Papst Leo XIV. gerade „diese Art der Vereinnahmung des Christentums durch die Politik“. In diesem Zusammenhang deuteten Informationen, die nach einem Treffen mit der Bischofskonferenz veröffentlicht wurden, auf die Besorgnis des Vatikans über Versuche hin, „die Kirche zu instrumentalisieren“, auch wenn die Bischöfe später klarstellten, dass der Papst allgemein über „die Risiken, den Glauben Ideologien zu unterwerfen“, gesprochen habe, ohne sich auf eine bestimmte Gruppe zu beziehen.

EWTN überträgt alle öffentlichen Programmpunkte der Spanien-Reise von Papst Leo XIV. live im Fernsehen sowie online im Stream. Die Programmpunkte mit genauen Uhrzeiten sowie die entsprechenden Links für den Stream finden Sie HIER.

Übersetzt und redigiert aus dem Original von ACI Prensa, der spanischsprachigen Partneragentur von CNA Deutsch.

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