Das Konzil von Nizäa vor 1.700 Jahren war das erste seiner Art und – genauso wie ein halbes Dutzend der nachfolgenden Konzilien – verbindend zwischen Ost und West im gemeinsamen Glaubensgut. Bei der Jubiläums-Fachtagung in der Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT) hielt dann auch ein orthodoxer Theologe das Hauptreferat zum Abschluss.
Stefanos Athanasiou ist Lehrstuhlinhaber für Systematische Theologie am Institut für Orthodoxe Theologie an der Ludwig-Maximilian-Universität München. Seinen Vortrag eröffnete er mit vordergründig unscheinbaren Sätzen, deren Inhalt sowohl für die anwesenden katholischen Hochschullehrer als auch die Zuhörerschaft von kirchenpolitischer Brisanz ist. Er sagte etwas Selbstverständliches, was eben nicht mehr selbstverständlich ist. Dabei kommt es auf jedes Wort an: „In der christlichen Theologie ist Wahrheit nicht einfach eine vom Einzelnen konstruierte Meinung, sondern göttliche Offenbarung. Wahrheit hat in der Bibel personalen Charakter: Sie ist letztlich identisch mit Gott selbst und konkret mit Jesus Christus, der sich als ‚der Weg, die Wahrheit und das Leben‘ bezeichnet.“
Brisant ist diese Aussage gerade für diejenigen, welche die universitäre Theologie in den letzten Jahren, mancherorts auch Jahrzehnten miterlebt haben. An vielen Lehrstühlen wird inzwischen bestritten, dass es eine objektive Wahrheit gibt; ebenso wird die Verbindlichkeit der göttlichen Offenbarung infrage gestellt. Das Autonomiedenken hat mit voller Wucht auch die katholische Theologie erreicht. Radikale Vertreter an katholischen Fakultäten vertreten zunehmend gar die Ansicht: Der Mensch ist nur dann ganz frei, wenn nicht einmal Gott ihm in seine Freiheit hineinreden darf. Oder sie halten die katholische Lehre der vergangenen 2000 Jahre für ein Zwangskorsett, von dem es sich zu befreien gilt.
Während also die Autonomie als Schlüsselfrage heutiger Theologie gilt, erinnerte ein orthodoxer Theologe die katholischen Geschwister daran, was eigentlich zum gemeinsamen Glaubensgut gehört. Und er fügte hinzu: „Über diese offenbarte Wahrheit können wir nicht verfügen; wir können sie nur in Demut empfangen und weitergeben.“ Damit zitierte der Referent sogar einen katholischen Theologen, nämlich Joseph Ratzinger. Spätestens jetzt wird deutlich, dass der Riss innerkirchlich zwischen den Vertretern der römisch-katholischen Theologie und denjenigen verläuft, die philosophische Freiheit gegen das Lehramt eintauschen.
Athanasiou zitierte mehrfach Ratzinger und wies auch auf dessen Predigt vor dem Konklave und der anschließenden Wahl zum Papst hin. Damals warnte er vor der „Diktatur des Relativismus“, die „behauptet, es gebe keine für alle gültige Wahrheit, sondern nur persönliche ‚Wahrheiten‘ – Meinungen, die man tolerieren müsse“.
Darin sind sich beide Theologen aus Orthodoxie und katholischer Kirche einig. „Eine Wahrheit, die nicht universell gilt, verdient ihren Namen nicht“, bekräftigt Athanasiou. „Demgegenüber hält das Christentum fest: Wahrheit ist nicht beliebig und auch nicht nur innere Überzeugung des Einzelnen, sondern objektiv in Christus erschienen. Diese Wahrheit ist nicht tyrannisch, sondern befreiend.“
Wenn Wahrheit in Christus objektiv gegeben sei, dann stelle sich die Frage, wie diese Wahrheit bewahrt und artikuliert wird: „Dogmen entstehen, um die Wahrheit der Offenbarung gegen Verfälschung abzusichern und so den ‚Heilsinhalt’ zu bewahren.“
Oftmals würden Dogmen in der modernen Öffentlichkeit missverstanden als bloße Machtsprüche oder starre Lehrsätze, die die Freiheit der Gläubigen einengen. Doch in Wirklichkeit begreife die Kirche das Dogma als Dienst an der Wahrheit und am Heil der Menschen, also nicht als Machtinstrument, sondern als Schutz der Freiheit.
Ein Blick in die Kirchengeschichte zeige, dass Dogmen in Auseinandersetzung mit Irrlehren formuliert wurden, und zwar nicht aus Lust an Verurteilungen, sondern aus Sorge um das Evangelium Gottes. Der Referent verwies zusätzlich auf den Kirchenvater Irenäus, der klarstellte: „Die Kirche, über die ganze Welt verbreitet, bewahrt diese eine von den Aposteln empfangene Wahrheit sorgfältig, während die Häretiker nur mit Scheinwissen operieren.“ Wahrheit sei nicht verfügbar und verhandelbar, sondern ein Geschenk.
Nach dieser klarstellenden Einleitung schilderte Athanasiou den Konflikt, mit dem sich das Konzil von Nizäa befasste, welches zu dem Ergebnis kam, den Sohn als eines Wesens mit dem Vater zu bezeichnen. Das Konzil tat sich damit nicht leicht, denn dieser Begriff kommt so in der Heiligen Schrift nicht wörtlich vor.
Die Auseinandersetzung sei mit dem Konzil von Nizäa noch nicht beendet gewesen. „In den Jahrzehnten nach 325 versuchten die Anhänger der arianischen oder halbarianischen Richtung immer wieder, das unbequeme Wort der Wesensgleichheit abzuschaffen oder abzuschwächen.“ Frieden sollte um den Preis der Wahrheit erkauft werden. Der Kirchenvater Gregor von Nazianz schildere empört, wie Kaiser Konstantius Formelkompromisse erzwang, um „Ruhe und Einheit“ herzustellen, während die Substanz des Glaubens preisgegeben wurde.
Athanasius von Alexandrien (295–373) sei ein unermüdliche Verteidiger des nizänischen Dogmas gewesen. „Trotz vielfacher Verbannungen und politischer Gegenwinde hielt er unbeirrbar an der Lehre fest, die die Kirche verkündete.“ Eine Kirche, die die Wahrheit Gottes preisgäbe, würde die Menschen betrügen, statt ihnen zu dienen.
Erneut zitiert der orthodoxe Theologe den katholischen Kollegen Ratzinger: „Theologie ist … keine Ansammlung von Begriffen, sondern personale Begegnung mit dem lebendigen Gott.“ – Ein Thema, das auch in der abschließenden Podiumsrunde zur Sprache kam. Niemand widersprach übrigens in dieser hochkarätig besetzten Runde von sechs Professoren dieser Sichtweise. Vielmehr wird in der Diskussion „die Tendenz in der universitären Theologie, sich vom gelebten Glauben zu entfernen“, angesprochen. Kann wissenschaftliche Theologie ohne Frömmigkeit und ohne Beziehung zur Liturgie funktionieren?
Athanasiou stellte die Frage: Was ist Kirche? Eine Institution? Seine Antwort: „Sie ist zuerst der Ort, um Gott wahrzunehmen!“
Manuel Schlögl, Professor für Dogmatik und Ökumenischen Dialog an der KHKT, griff ein Wort von Kardinal Walter Kasper zum Bekenntnis von Nizäa und dessen Gottesbild auf: „Es ist nicht der Gott der Philosophen, mit dem wir es im Christentum zu tun haben. Sondern es ist der lebendige, beziehungswillige und beziehungsreiche Gott Jesu Christi, der sich in der Geschichte des Nazareners selbst auslegt als unbedingte Liebe und Sinn des Seins. Dieses Gottesbekenntnis ist und bleibt einzigartig und deshalb auch revolutionär, gegenüber dem Judentum, gegenüber Strömungen wie dem Arianismus, nicht zuletzt gegenüber einer säkularen Kultur, die das Endliche verabsolutiert und nichts Höheres anerkennen will als die eigene Freiheit.“
