Der in Syrien tätige Franziskanerpater Fadi Azar, der eigentlich aus Palästina stammt, hat erklärt: „Die Zukunft der Kirche in Syrien ist ungewiss und gefährdet, denn durch den Weggang dieser vielen Menschen – vor allem junger Menschen – bluten wir aus.“
Die Lage in Syrien ist mehr als ein Jahr nach dem Sturz von Baschar al-Assad besodners für Christen prekär, nachdem sie zuvor weitgehend unbehelligt ihren Glauben praktizieren konnten. Der syrische Staat wird derzeit angeführt von Ahmed al-Scharaa, der viele Jahre als gesuchter Terrorist galt.
Pater Fadi sagte gegenüber der katholischen Wochenzeitung „Die Tagespost“ (aktuelle Ausgabe): „Ich appelliere an die internationale Gemeinschaft und an die Christen in Europa, sich für uns einzusetzen. Unsere neue Regierung ist islamisch geprägt und fanatisch; die fortschreitende Islamisierung Syriens stellt eine dauerhafte Bedrohung dar.“
„Die Verfolgung von Christen nimmt zu, insbesondere seit viele IS-Häftlinge im vergangenen Monat bei Gefechten aus syrischen Gefängnissen entkamen“, konstatierte der Priester, der in Aleppo wirkt. „Wir fühlen die Gefahr von diesen IS-Kämpfern, die mittels Graffitis an den Gebäuden uns drohen und unsere Kirchen angreifen. Sie dringen auch in die Kirchen ein, doch während der Gottesdienste sind wir durch die Polizei geschützt. Immer wieder passiert es, dass Christen gekidnappt werden – für ihre Freilassung wird ein Lösegeld verlangt. Manchmal werden sie auch getötet.“
„Es ist vor allem die Unsicherheit, die schwer zu ertragen ist – wir wissen nicht, was noch passiert“, fuhr er fort. „Die Kirche vor Ort hat inzwischen einen Teil der Aufgaben des Staates übernommen; unsere Pfarrei leistet die gesamte Sozialarbeit. Wir kümmern uns beispielsweise um die Gesundheitsversorgung: Ich habe eine medizinische Ausgabestelle, in der wir jeden Monat Medikamente an 550 Menschen verteilen. Außerdem helfen wir bei medizinischen Operationen und vermitteln Zahnärzte, wenn es entsprechende Probleme gibt.“
Viele Christen hätten keine Arbeit und könnten „nur durch Unterstützung der Kirche und durch Zuwendungen von Verwandten im Ausland überleben“. Gerade jene Christen, „die in öffentlichen Ämtern tätig waren, verloren ihre Arbeitsplätze, die anschließend mit Muslimen besetzt wurden“, sagte Pater Fadi.
Umgekehrt gebe es auch „positive Entwicklungen: Konversionen vom Islam zum Christentum. Denn die Konvertiten haben erkannt, dass in ihrer Religion Gewalt vorrangig ist, bei uns aber Liebe und Vergebung.“
