Turiner Grabtuch: Studie widerlegt Mittelalter-These zu Entstehung durch Flachrelief

Turiner Grabtuch: Studie widerlegt Mittelalter-These zu Entstehung durch Flachrelief

Drei Wissenschaftler haben im Fachjournal Archaeometry die These eines mittelalterlichen Ursprungs des Turiner Grabtuchs durch ein Flachrelief widerlegt. Sie werfen dem brasilianischen Forscher Cicero Moraes, der diese Theorie im Sommer 2025 aufgestellt hatte, methodische Mängel und eine fehlerhafte Argumentation vor.

„Die teilweise digitale Rekonstruktion des Turiner Grabtuchs durch Moraes stützt weder die Flachrelief-Hypothese noch eine mittelalterliche oder sonstige Hypothese“, hieß es in der Zusammenfassung des Beitrags.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte der brasilianische Forscher Cicero Moraes eine digitale Rekonstruktion, welche die Behauptung von der Entstehung des Grabtuchs im Mittelalter stützen sollte.

Moraes argumentierte, ein Bas-Relief (Flachrelief) erzeuge eine Kontaktoberfläche, die besser mit den sichtbaren Konturen des Leinentuchs übereinstimme als das Volumen eines menschlichen Körpers. Aus dieser Beobachtung leitete er ein Argument für einen künstlich geschaffenen Ursprung des verehrten Tuchs ab.

Fundamentale Kritik an der Methodik haben Tristan Casabianca, Emanuela Marinelli und Alessandro Piana in einer detaillierten Replik veröffentlicht. Die Autoren kritisieren in Moraes’ Studie „mehrdeutige Zielsetzungen, methodische Mängel und fehlerhafte Argumentation“.

Ein zentraler Einwand betrifft die physikalischen Eigenschaften des Originals, die in der digitalen Simulation ignoriert worden seien. Dazu zähle die mikroskopische Oberflächlichkeit des Bildes, die kaum ein Fünftel eines Tausendstelmillimeters tief in den Stoff eindringt, sowie die bestätigten Spuren menschlichen Blutes. Diese Merkmale seien mit keiner bekannten künstlerischen Methode des Mittelalters vereinbar.

Die Kritiker führen zudem handwerkliche Fehler in der Erstellung des Modells an. So habe Moraes die anatomische Ausrichtung vertauscht, wodurch rechte und linke Hände sowie Füße verwechselt wurden. Zudem stütze sich die Arbeit auf eine einzelne Fotografie aus dem Jahr 1931 statt auf moderne, hochauflösende Aufnahmen.

Auch die gewählten Parameter seien willkürlich: Moraes nutzte eine Körpergröße von 180 Zentimetern, obwohl der wissenschaftlich akzeptierte Bereich für den Mann auf dem Grabtuch zwischen 173 und 177 Zentimetern liegt.

Schwerwiegend sei zudem die Materialwahl der Simulation, die Baumwolle statt Leinen verwendete und somit die authentischen Eigenschaften des Grabtuchs nicht reproduzieren konnte.

Neben den technischen Aspekten stellen Casabianca, Marinelli und Piana auch die historischen Schlussfolgerungen infrage. Sie werfen Moraes laut dem Portal Gaudiumpress einen „Fehlschluss der Komposition“ vor.

Seine Argumentation verknüpfe künstlerische Praktiken aus unterschiedlichen Regionen und Jahrhunderten anachronistisch miteinander. Besonders widersprüchlich sei der Umgang mit Quellen: Moraes’ wichtigster kunsthistorischer Gewährsmann, William S. A. Dale, habe selbst nicht an einen Ursprung im Frankreich des 14. Jahrhunderts geglaubt, sondern eine byzantinische Herkunft Jahrhunderte zuvor vermutet.

Die Autoren betonen, dass die Bas-Relief-Hypothese keineswegs neu sei. Verschiedene Varianten dieser Theorie seien bereits in den frühen 1980er Jahren wissenschaftlich untersucht und verworfen worden.

Auch die Frage der anatomischen Verformung eines Körpers im Gewebe sei schon 1902 vom französischen Wissenschaftler Paul Vignon geklärt worden. Umfassende Vor-Ort-Studien eines Forscherteams im Jahr 1978 sowie nachfolgende chemisch-physikalische Analysen hätten eine Entstehung des Abbildes durch Malerei oder den Kontakt mit einem Flachrelief bereits ausgeschlossen.

Posted in

Werden Sie Teil der EWTN-Familie. Abonnieren Sie unseren Newsletter!

*Ich möchte zukünftig den wöchentlichen Newsletter von EWTN.TV mit Impulsen, Programmtips und Informationen rund um Ihren katholischen Fernsehsender per E-Mail empfangen. Diese Einwilligung kann am Ende jedes Newsletters widerrufen werden. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.