Eine Tasse Kamillentee und Johnny Cash: Es war die perfekte Kombination, als ich mich vor wenigen Wochen am Abend hinsetzte und begann, das neue Buch des Bestseller-Autors Peter Seewald zu lesen. „Die Entdeckung der Ewigkeit“ heißt das Werk, das im letzten Oktober beim Herder-Verlag erschienen ist. Es geht um Tod und Auferstehung, den Sinn des (ewigen) Lebens und, scheinbar ganz banal, das Älterwerden.
Als ich Tee schlürfend durch das erste Kapitel rauschte – ich hatte mich nicht von der schrecklichen 80er-Jahre-Kirchenfenster-Ästhetik des Buchcovers abschrecken lassen –, bemerkte ich, wie passend meine zufällige Musikauswahl gewesen ist, die im Hintergrund klimperte. So wie Peter Seewald hatte einst auch Johnny Cash ein tiefgreifendes Bekehrungserlebnis gehabt.
Ich hatte das Album „American V: A Hundred Highways“ angemacht, es enthält „Like the 309“, den letzten Song, den Cash vor seinem Tod geschrieben hat. „It should be a while before I see Doctor Death“, sang der Musiker, bevor er 2003 im Alter von 71 Jahren verstarb. Das Album wurde posthum veröffentlicht. „Für Gläubige schließt sich nicht ein Tor, wenn wir sterben, es öffnet sich eines“, schreibt derweil Seewald. Und: „Vielleicht ist das Sterben kein Absturz, sondern ein Loslassen.“
Peter Seewald ist nun ebenfalls 71 Jahre alt. Doch auch, wenn er schon auf den ersten Seiten genüsslich über die eigenen Wehwehchen jammert, die das Alter so mit sich bringen, ist das vorliegende Buch keineswegs das Werk eines Mannes, der seines Lebens überdrüssig ist. Kraftvoll, eloquent und blitzgescheit nähert sich Seewald einem Thema an, bei dem Gesellschaft und Kirche teilweise die Sprachfähigkeit abhandengekommen scheint.
Eine schwere Geburt
Am 10. Juli 2024 ist Seewald 70 Jahre alt geworden. Zu diesem Zeitpunkt hatte er mir – trotz seines Buchprojekts – ein ausführliches Interview gegeben und auf sein bewegtes Leben zurückgeblickt, das ihn vom Ex-Kommunisten zu dem Papst-Biographen machte. Die Kunst, Schwieriges leicht aussehen zu lassen, beherrscht vermutlich kaum ein Autor so gut wie Peter Seewald.
Als ich im November 2022 erstmals Kontakt zu ihm aufgenommen hatte, arbeitete er bereits am vorliegenden Buch. Im Februar 2023 trafen wir uns persönlich, als ich im Geburtsort von Joseph Ratzinger einen Beitrag für EWTN über Papst Benedikt XVI. drehte (den Video-Beitrag finden Sie hier). Nach den Dreharbeiten klagte Seewald, dass er mit seinem Buchprojekt kaum vorankomme. Es sollte zwei weitere Jahre dauern, bis das Manuskript fertig war.
Am 14. Oktober 2025 war es dann soweit. „Ja, das Buch ist tatsächlich fertiggeworden“, schrieb er, nachdem ich ihn beglückwünscht hatte, „mit Hängen und Würgen. Und, wie ich annehme, letztlich mit der Hilfe vom großen Boss, der meine Verzweiflung nicht mehr mit ansehen konnte und mir unter die Arme griff.“
Gesellschaftskritik und geplatzte Prosecco-Flaschen
Wenn man Seewalds neuestes Werk zur Hand nimmt, spürt man beim Lesen nichts von den Mühen und Strapazen, die der Entstehungsprozess bei ihm verursacht hatte. Scheinbar mühelos und unterhaltsam nimmt er den Leser mit auf seine Entdeckungsreise zur Ewigkeit. Während an vielen Stellen immer wieder die gelassene Selbstironie des Bayern aufblitzt, der seine Alterserscheinungen unter anderem symptomatisch daran festmacht, dass er nachts häufiger zur Toilette muss oder vergisst, die Prosecco-Flaschen rechtzeitig aus dem Gefrierfach zu nehmen, so lässt Seewald häufig nur Zahlen und Fakten sprechen. Wenn er den Verjüngungswahn der Menschen anprangert, den Einfluss der Künstlichen Intelligenz und anhand der Hochkonjunktur von Anti-Aging-Produkten einen gesellschaftlichen Trend hin zum Windmühlenkampf gegen die eigene Sterblichkeit ausmacht, liefert der Journalist Statistiken mit, verweist auf aktuelle wissenschaftliche Veröffentlichungen und lässt zahlreiche Experten zu Wort kommen.
Seewald hat seine Hausaufgaben gemacht, und zwar gründlich. Kein Wunder, dass die Entstehung seines Buches über die Ewigkeit selbst eine halbe Ewigkeit dauerte.
Der Bestseller-Autor unterhält jedoch nicht nur mit humorvollen Anekdoten über nächtliches Wasserlassen und geplatzte Prosecco-Flaschen, sondern wird auch zum Mahner und Warner, wenn er den gesellschaftlichen Umgang mit der älteren Bevölkerungsschicht hinterfragt. Dies gelingt ihm ohne Bitterkeit und Moralin, ohne die Überempfindlichkeit des sprichwörtlichen „getroffenen Hundes“. Seewald wird in diesem Sommer 72 Jahre alt, er schreibt mit der Nüchternheit des kritisch forschenden Journalisten, mit der Erfahrung des mehrfachen Großvaters und der Zuversicht und Ehrfurcht eines Katholiken.
„Als Ministrant hatte ich unzählige Tote gesehen“, schreibt er freimütig über seine frühen Auseinandersetzungen mit der Sterblichkeit des Menschen. An anderer Stelle berichtet er amüsiert von seinem Enkel, der ihn fragte: „Opa, wann stirbst du?“ Den Anstoß für diese Frage habe der Tod der geliebten Familienkatze gegeben, erzählt der Autor weiter. Dem Enkel wurde erzählt, das Tier sei nun im „Katzenhimmel“. Wie dieser Himmel sein musste, auch davon hat der Enkel eine genaue Vorstellung, wie Seewald berichtet: „Sie darf jetzt immer kotzen ohne geschimpft zu werden.“
Kritik an der Kirche mit der Corona-Pandemie
Nachdenklich wird der Autor, wenn er über Nahtoderfahrungen spricht, die früher von der Wissenschaft belächelt wurden. Heute würde man diese jedoch mehr und mehr als Indizien dafür anerkennen, dass es „mehr“ gibt als dieses Leben, dass „wir hier auf der Erde nicht ganz zuhause sind“, wie er Heinrich Böll zitiert. Die vergangene Coronavirus-Krise beschreibt er als eine „Nahtoderfahrung der anderen Art“, bei der „die Todesangst nicht mehr zum exklusiven Besitz der Alten“ gehört habe. Für ein paar Augenblicke sei die Gesellschaft zum Nachdenken gekommen über die eigene Endlichkeit, so Seewald, doch lange angedauert habe diese Reflexion nicht.
Die Kirche hatte dabei seiner Ansicht nach eine wichtige Chance vermasselt. „Durch ihre im vorauseilenden Gehorsam blitzartig geschlossenen Pforten hatten die Kirchen gewirkt, als schenkten auch sie der zentralen Botschaft Christi keinen Glauben mehr“, empört sich der Journalist im vorliegenden Buch. „Gerade in dem Moment, als es gegolten hätte, mit Jesu Zusicherung die Sterbenden zu stärken und die Angehörigen zu trösten, hatten sich die Bischöfe in Kapellen zurückgezogen, wo sie wie auf einer Laienbühne für die Videoübertragung eine nicht unbedingt heilig wirkende Messe zelebrierten. Kein Kardinal hatte mit den Worten des Apostel Paulus gerufen: ‚Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?‘ (1 Kor 15,6).“
Ein Buch zur Fastenzeit
„Die Entdeckung der Ewigkeit“ ist ein Buch, das nicht nur dazu einlädt, sich der unausweichlichen Tatsache zu stellen, dass wir alle einmal dem Tod ins Auge blicken müssen. Gleichzeitig macht es Vorfreude auf das, was da noch kommen mag. Denn Seewald weist darauf hin, wie tröstlich es doch sei, dass das irdische Leben nicht alles ist. Im Vergleich zu früher wird die Menschheit immer älter, doch durch die zunehmende gesellschaftliche Ignoranz, die ein Leben nach dem Tod als Ammenmärchen beiseite wischt, gerate der Mensch in den bemitleidenswerten Zwang, möglichst viel Sinn und Bedeutung in die durchschnittlich 80 Lebensjahre zu pressen, die er auf dieser Erde statistisch gesehen haben wird. Doch was sind schon mickrige 80 Jahre im Vergleich zur Ewigkeit, fragt der Katholik Seewald fast schon mitleidig.
Sein Buch lohnt sich nicht nur als Gesellschaftsstudie, als Warnung vor dem Jugendwahn oder als Plädoyer für einen respektvolleren Umgang mit der älteren Gesellschaftsschicht. „Die Entdeckung der Ewigkeit“ von Peter Seewald ist auch eine Meditation über den Sinn des Lebens, in das ein jeder vom Schöpfer hineingeworfen wird, ein modernes „Memento Mori“.
Vielleicht genau die richtige Lektüre zum Beginn der Fastenzeit.
