Kardinal Müller: Piusbruderschaft muss Leo „auch in der Praxis“ als Papst anerkennen
Kardinal Gerhard Müller hat betont, die traditionalistische Priesterbruderschaft St. Pius X. müsse Leo „auch in der Praxis“ als Papst anerkennen. Der deutsche Kardinal war seinerzeit Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation und damit verantwortlich für den Dialog mit der Piusbruderschaft, der schließlich scheiterte.
Die Gemeinschaft hatte Anfang Februar angekündigt, am 1. Juli mehrere Bischöfe zu weihen – auch ohne päpstlichen Auftrag –, damit die in aller Welt verstreuten traditionsverbundenen Gläubigen weiterhin die Sakramente in jener Form empfangen können, wie sie bis nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil üblich war und bis in die Zeit der Kirchenväter zurückgeht.
Müller schrieb in einem Beitrag für das österreichische Portal kath.net am Wochenende, es bestehe „kein Zweifel, dass die Piusbruderschaft inhaltlich mit dem katholischen Glauben übereinstimmt (abgesehen vom II. Vatikanum, das sie aber fälschlicherweise als Abweichung von der Tradition interpretiert)“.
„Und wenn sie das II. Vatikanum in Gänze oder in Teilen nicht anerkennen, so befinden sie sich in einem Widerspruch mit sich selbst, da sie zu Recht sagen, dass das II. Vatikanische Konzil keine neue Lehre in Form eines definierten Dogmas allen Katholiken zu glauben vorgelegt hat“, fuhr Müller fort.
Die Piusbruderschaft – genauer der Generalobere, Pater Davide Pagliarani FSSPX, hatte jedoch in seinem Schreiben an Kardinal Víctor Manuel Fernández, den gegenwärtigen Präfekten des Dikasteriums für die Glaubenslehre, am 18. Februar festgehalten, der Dialog unter Kardinal Müller sei 2017 „auf drastische Weise durch eine einseitige Entscheidung des Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre“ zu einem Ende gekommen. Der Kardinal habe nämlich als Teil der „Mindestanforderungen“ für die kirchliche Anerkennung der Piusbruderschaft festgelegt, dass sie „das gesamte Konzil und das ‚Nachkonzil‘“ akzeptieren müsse.
Müller schrieb am Wochenende: „Zu Recht beklagen nicht nur die Piusbruderschaft, sondern ein Großteil der Katholiken, dass unter dem Vorwand der Erneuerung der Kirche – mit dem Prozess einer Selbstsäkularisierung – auch große Unsicherheiten in dogmatischen Fragen und sogar Irrlehren in die Kirche eingedrungen sind. Aber auch in der 2000jährigen Kirchengeschichte wurden die Häresien vom Arianismus bis zum Modernismus nur von denen überwunden, die in der Kirche geblieben sind und nicht von der Seite des Papstes gewichen sind.“
„Wenn die Piusbruderschaft kirchengeschichtlich eine positive Wirkung haben will, dann kann sie nicht aus einer Distanz von außen her um den wahren Glauben kämpfen gegen die mit dem Papst vereinte Kirche, sondern nur in der Kirche und mit dem Papst und allen rechtgläubigen Bischöfen, Theologen und Gläubigen“, zeigte er sich überzeugt. „Ansonsten bleibt ihr Protest wirkungslos und wird von häretischen Gruppen noch höhnisch missbraucht um die rechtgläubigen Katholiken des sterilen Traditionalismus und bornierten Fundamentalismus zu bezichtigen.“
„Das II. Vatikanum hat kein neues Dogma verkündet, sondern die immer gültige dogmatische Lehre nur in einem anderen geistes- und kulturgeschichtlichen Zusammenhang neu zu glauben vorgelegt“, so Müller. Auf die von der Piusbruderschaft immer wieder vorgebrachten Verweise auf Themen wie Ökumene und interreligiöser Dialog ging er nicht ein.
Gerade hier sind augenscheinliche drastische Unterschiede in der Haltung der meisten Kirchenvertreter festzustellen, wenn man die Lage vor und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil vergleicht. Vor dem Konzil gab es etwa keine ökumenischen Gottesdienste von Katholiken und Protestanten, danach schon. Vor dem Konzil gab es auch keine interreligiösen Gebetstreffen, aber danach schon – besonders prominent 1986 in Assisi unter dem Vorsitz von Papst Johannes Paul II.
Die Piusbruderschaft betont darüber hinaus, die „offizielle Lesart“ des Zweiten Vatikanums manifestiere sich auch in verschiedenen päpstlichen Texten in den letzten sechs Jahrzehnten sowie „in der liturgischen Reform, verstanden im Licht der in Traditionis custodes bekräftigten Prinzipien“.
Bald nach ihrer Gründung durch Erzbischof Marcel Lefebvre im Jahr 1970 geriet die Piusbruderschaft in Konflikt mit der kirchlichen Hierarchie, weil sie an der überlieferten Liturgie festhielt und verschiedene Aspekte des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnte, etwa eine falsch verstandene Religionsfreiheit oder Ökumene. Lefebvre war unter Papst Pius XII. der wichtigste Bischof in ganz Afrika und danach Generaloberer der Spiritaner, einer der wichtigsten Missionsgesellschaften in der Kirchengeschichte.
1988 hatte Erzbischof Lefebvre ohne Erlaubnis aus Rom die Bischöfe Bernard Fellay, Alfonso de Galarreta, Bernard Tissier de Mallerais und Richard Williamson geweiht – der Präzedenzfall für die nun angekündigten Bischofsweihen. 2009 hob Papst Benedikt XVI. die Exkommunikationen der beteiligten Personen offiziell auf. Williamson wurde später aus der Piusbruderschaft ausgeschlossen und ist 2025 gestorben. Tissier starb bereits 2024.
Die Piusbruderschaft sieht sich weiterhin als Teil der katholischen Kirche und betet in der Messe für den amtierenden Papst, wodurch sie sich vom Sedisvakantismus abgrenzt. Gleichzeitig weigert sie sich, verschiedene Neuerungen – wie sie es sieht – zu akzeptieren, was immer wieder zu Spannungen mit dem Vatikan führt.
Nicht öffentlich ist bis heute, welche Sätze des Zweiten Vatikanischen Konzils welchen Grad an Verbindlichkeit beanspruchen. Papst Paul VI., der das Zweite Vatikanum 1965 abschloss, sprach von einem pastoralen Konzil. So sagte er im Jahr 1966: „Es gibt diejenigen, die fragen, welche Autorität, welche theologische Qualifikation das Konzil seinen Lehren geben wollte, da es bekanntlich darauf verzichtete, feierliche dogmatische Definitionen zu verkünden, die die Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes betreffen. Die Antwort kennt jeder, der sich an die Konzilserklärung vom 6. März 1964 erinnert, die am 16. November 1964 wiederholt wurde: Angesichts des pastoralen Charakters des Konzils vermied es dieses, in außergewöhnlicher Weise Dogmen zu verkünden, die mit dem Merkmal der Unfehlbarkeit ausgestattet sind.“
