Christliche Organisationen fordern von Merz Einstehen für Religionsfreiheit in Syrien
Die Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International (CSI) hat Bundeskanzler Friedrich Merz in einem offenen Brief aufgefordert, den syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa beim Berliner Treffen am Montag „persönlich verantwortlich“ zu machen für Menschenrechtsverletzungen an der christlichen Minderheit. Zugleich forderte CSI, jede finanzielle Unterstützung Syriens von der Einhaltung der Religionsfreiheit abhängig zu machen.
„Ich fordere Sie daher auf, Ahmed al-Scharaa deutlich zu machen, dass die Bundesrepublik Deutschland ihn persönlich verantwortlich macht für die aktuellen Menschenrechtsverletzungen gegen Minderheiten in den von ihm kontrollierten Gebieten“, schrieb Pfarrer Peter Fuchs, der Geschäftsführer von CSI-Deutschland.
Unmittelbarer Anlass für den Brief waren nach Darstellung von CSI die pogromartigen Überfälle auf die mehrheitlich christliche Stadt Suqailabiyya vom vergangenen Freitag. Bewaffnete Gruppen plünderten Geschäfte und Häuser, darunter Cafés, Restaurants und Bekleidungsgeschäfte. Zivilisten wurden mit Gewalt bedroht, Frauen belästigt.
Anwohner berichteten, Sicherheitskräfte des Regimes hätten entweder nicht eingegriffen oder seien teilweise daran beteiligt gewesen. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA bezeichnete die Vorfälle hingegen als „Massenschlägerei“ zwischen jungen Männern.
In Reaktion auf den Angriff sagten die katholischen Kirchen in Damaskus ihre geplanten Palmsonntagsprozessionen ab. Dem griechisch-katholischen Patriarchat in Antiochia zufolge hätten die Kirchen beschlossen, die Osterfeierlichkeiten auf Gottesdienste im Inneren der Gebäude zu beschränken.
Bewohner schilderten der Nachrichtenagentur AFP, die Angreifer hätten mehr als 20 Geschäfte verwüstet und Autos in Brand gesetzt. Das griechisch-orthodoxe Patriarchat in Antiochia verurteilte die Vorfälle und forderte Ermittlungen.
CSI betonte, dass die an den Übergriffen beteiligten Dschihadisten Anhänger der Hai’at Tahrir asch-Scham (HTS) seien, jener islamistischen Gruppe, die al-Scharaa gegründet und angeführt hatte – und weswegen er lange als Terrorist galt. Über Jahre hätten Kämpfer aus Idlib eine Rechnung mit den Christen von Suqailabiyya offen gehabt, weil diese sich im Syrienkrieg erfolgreich verteidigt hätten.
Auf weitere Fälle eingehend schrieb Fuchs, seit dem 8. Februar 2025 sitze der ehemalige Bürgermeister Suleiman Khalil ohne Anklage im Militärgefängnis von Homs. Khalil hatte die christliche Stadt Sadad gegen Dschihadisten und den Islamischen Staat verteidigt. CSI ordnete seine Inhaftierung als Rache ein.
Im vergangenen Sommer hätten sunnitische Kämpfer, unterstützt von Damaskus, drusische Ortschaften im Süden angegriffen. Bis heute seien Dutzende alawitischer Frauen entführt worden. Aufgearbeitet worden seien die Ereignisse nicht.
Trotz dieser Vorfälle habe das Auswärtige Amt im Dezember behauptet, die Menschenrechtslage in Syrien habe sich seit dem Sturz von Baschar al-Assad verbessert. CSI widersprach dieser Einschätzung: „Das Gegenteil ist der Fall.“
In dem Schreiben verwies CSI auch auf den Nahostexperten Fabrice Balanche, der davor gewarnt habe, dass sich Syrien auf dem direkten Weg in eine islamische Republik befinde. Neue Fluchtbewegungen seien zu befürchten, wenn der Westen al-Scharaas Position zementiere.
Mit ähnlich scharfer Kritik an dem Berliner Empfang wandten sich assyrische Verbände an die Öffentlichkeit. „Dieser Besuch ist nicht nur ein politischer Fehler, er ist ein Signal moralischer Verachtung gegenüber unserem Volk“, erklärten Charli Kanoun, der Vorsitzende des Assyrischen Kulturvereins in Saarlouis, und Majed Bahi, der Vorsitzende der Assyrischen Autonomiebewegung, in einer gemeinsamen Pressemitteilung.
„Viele Familien wurden auseinandergerissen, Dörfer entvölkert, Kirchen in Brand gesteckt — unser Glaube, unsere Traditionen, unsere ganze Existenz wurde bedroht“, hieß es weiter. Auch die Kurdische Gemeinde Deutschland schloss sich der Kritik an.
Parallel dazu appellierte das internationale katholische Hilfswerk Kirche in Not an den Bundeskanzler, von der syrischen Führung klare und verbindliche Zusagen zur Religionsfreiheit und zum Schutz von Christen und anderen Minderheiten einzufordern. Projektpartner des Hilfswerks berichteten von großer Angst vor einer Islamisierung in der Bevölkerung.
„Religionsfreiheit darf nicht eingeschränkt oder aus Sicherheitsgründen dauerhaft verdrängt werden. Bundeskanzler Merz muss diese Fragen klar und unmissverständlich gegenüber dem syrischen Übergangspräsidenten ansprechen“, erklärte Florian Ripka, der Geschäftsführer von Kirche in Not Deutschland.
Die Bundesregierung verteidigte den Empfang. Regierungssprecher Stefan Kornelius erklärte, es sei wichtig, mit dem syrischen Regime im Austausch zu bleiben. Dem Vorwurf, al-Scharaa sei ein Kriegsverbrecher, schloss er sich ausdrücklich nicht an.
CSI schrieb, Christen würden unter al-Scharaa nicht nur physisch angegriffen, sondern auch systematisch aus dem öffentlichen Dienst gedrängt und verlören ihre Stellungen als Beamte, Anwälte und Richter.
„Christen, Kurden, Drusen, Alawiten und andere Minderheiten dürfen in Syrien unter Ahmed al-Scharaa nicht zu Bürgern zweiter Klasse reduziert werden!“, hieß es abschließend in dem Brief.
