Scheidender Ministerpräsident Kretschmann wirft Kirche „falsche Theologie“ vor
Der scheidende Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, hat der Kirche bei der „Ämterfrage“ eine „falsche Theologie“ vorgeworfen. Kretschmann ist katholisch aufgewachsen. Seit 2011 war der inzwischen 77-jährige Grünen-Politiker Ministerpräsident von Baden-Württemberg.
„Wenn die Kirche die theologische Emanzipation der Frau nicht durchsetzt, muss sie eine Kirche ohne die meisten Frauen sein“, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). „Und wenn man sich kirchliches Leben anschaut, das wird in der Praxis weitgehend von Frauen getragen!“
Angesprochen auf die Tatsache, dass Papst Johannes Paul II. verbindlich erklärt hatte, die Kirche habe keine Vollmacht, Frauen zu Priestern zu weihen, antwortete Kretschmann: „Das ist seine Ansicht, nicht meine, allerdings bin ich nicht der Papst, entscheide es also nicht.“
Er schlug vor, „zurück zur Bibel“ zu gehen, und fragte: „Wer entdeckt den Auferstandenen zuerst und glaubt an ihn? Frauen! Das ist ja nicht gerade die unwichtigste Szene in der Heiligen Schrift. Bei der Ämterfrage wendet die katholische Kirche aus meiner Sicht einfach eine falsche Theologie an.“
„Die Kirche muss zurück zu den Quellen!“, forderte Kretschmann weiter. „Da muss die katholische Kirche durch. Sonst verliert sie das, was im Urchristentum begann. Paulus schreibt in seinem Brief an die Galater: ‚Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus‘ (Galater 3,28). Also, dass sie bei Emanzipationsfragen vorne dran war und nicht hinten.“
Nie in ihrer 2000-jährigen Geschichte hat die Kirche Frauen zu Priestern geweiht. Es gibt keine einzige Quelle, weder in der Heiligen Schrift noch in der Überlieferung, die auf eine solche Praxis hindeuten könnte. Die von Kretschmann zitierte Stelle im Galaterbrief spricht von der Taufe (Gal 3,27), die für alle Menschen den gleichen Effekt hat, nicht von einer Berufung zum Priestertum.
Der Grünen-Politiker brachte auch seine Überzeugung zum Ausdruck, „dass der Pflichtzölibat unbiblisch ist. Denn Jesus sagt: ‚Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht‘ (Joh 5,3). Dass das Christentum mit seinen Geboten eine Bürde ist, wird zwar nicht bestritten. Aber diese Bürde soll sanft und leicht sein! Dahin muss die Kirche wieder zurück! Die Kirche hat nicht das Recht, den Leuten Lasten aufzubürden, die sie gar nicht tragen können.“
„Wenn jemand sein Leben in den besonderen Dienst Gottes stellen und Priester werden will, warum muss die Kirche ihm dann noch zwangsmäßig aufbürden, dass er auch ehelos lebt?“, fuhr er fort. „Das ist ein klarer Verstoß gegen dieses Jesuswort. Das gilt für die Sexualmoral insgesamt. Warum macht die Kirche daraus ein Joch? Jesus hat sich für sexuelle Fragen offenkundig gar nicht besonders interessiert.“
Jüngst hatte der Münchner Priester und Pastoraltheologe Andreas Wollbold eine 1000-seitige Quellensammlung zum Zölibat vorgelegt, die nachweist, dass die priesterliche Ehelosigkeit schon in der frühen Kirche üblich war. Trotz des Aufrufs, „zurück zu den Quellen“ zu gehen, erwähnte der Grünen-Politiker diese Fakten nicht.
Der hohe Anspruch der kirchlichen Sexualmoral ist begründet in Aussagen wie jener, die Jesus im Rahmen der Bergpredigt machte (Mt 5,28): „Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“
Kretschmann betonte, für „kirchliche Reformen“ sei es „nie zu spät“. Er räumte aber ein, das „Heil der Kirche“ liege „nicht in Ämterreformen allein. Die sind schon wichtig, aber nicht die Lösung aller Fragen. Sonst müsste die evangelische Kirche ja in einem berauschend guten Zustand sein.“
