Kardinal Aveline: Gläubige, die alte Messe besuchen, müssen Zweites Vatikanum annehmen
Kardinal Jean-Marc Aveline, der Erzbischof von Marseille und Vorsitzender der französischen Bischofskonferenz, hat klargestellt, dass Gläubige, die der überlieferten Form der Liturgie verbunden sind, das Zweite Vatikanische Konzil annehmen müssen. Im Interview mit dem französischen Sender KTO betonte der Kardinal zu Ostern, die kirchliche Tradition schließe das Zweite Vatikanum zwingend ein.
„Die Tradition reicht bis zum letzten Konzil, einschließlich des letzten Konzils, des Zweiten Vatikanums, und dann wird es eines Tages ein weiteres geben“, sagte Aveline in dem Gespräch. Wer an der überlieferten Liturgie festhalte, müsse deshalb die gesamte Kontinuität der Tradition berücksichtigen.
Auslöser der Aussagen war ein Brief von Papst Leo XIV., den Kardinalstaatssekretär Parolin während der Frühjahrsvollversammlung der französischen Bischofskonferenz in Lourdes übermittelte. Darin lud der Papst die Bischöfe ein, über die liturgische Frage nachzudenken und die Gläubigen, die der klassischen römischen Liturgie, wie sie bis nach dem Konzil in aller Welt gefeiert wurde, verbunden sind, „großzügig einzuschließen“.
Aveline erklärte, der Brief decke sich mit dem, was die Bischofskonferenz ohnehin schon tue. Bei der Vollversammlung in Lourdes hatten die Bischöfe eine erste Beratung zu diesem Thema. Weitere sollen bei künftigen Sitzungen folgen. Aveline betonte, es gehe zunächst darum, diese Gläubigen „mit pastoraler Fürsorge“ aufzunehmen.
Zugleich müsse man bewahren, was die Kirche lehre. Von Generation zu Generation habe die Tradition Worte gesucht, um sich auszudrücken, durch jedes Konzil, einschließlich des Zweiten Vatikanischen Konzils.
Auf die Frage, wie sich ein scheinbarer Widerspruch überwinden lasse, antwortete Aveline mit dem Begriff der „Hermeneutik der Kontinuität“. Jedes Konzil entspreche einem historischen Moment und hebe die vorangehenden Konzilien nicht auf.
„Nicht unbedingt“, entgegnete er auf den Einwand, dass sich die Annahme der überlieferten Liturgie und das Festhalten am Zweiten Vatikanum ausschließen. Konzilien seien „einfach die Fortsetzung“ eines langen Weges der Tradition.
Die traditionalistische Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) hatte angekündigt, am 1. Juli diesen Jahres neue Bischöfe zu weihen – zur Not auch ohne päpstliche Erlaubnis –, wie CNA Deutsch berichtete. Aveline bezeichnete diesen Schritt als „Geste, die Traurigkeit hervorruft“.
Er verwies auf die Kirchengeschichte: „Es ist nicht das erste Mal in der Kirche, dass ein Konzil Mühe hat, angenommen zu werden.“ Selbst nach dem Konzil von Nizäa habe es noch ein Jahrhundert gedauert, bis es allgemein rezipiert worden sei.
Als Vorbild nannte Aveline den heiligen Augustinus und die Versammlung von Karthago im Jahr 411. Damals habe Augustinus Donatisten und Katholiken zu einem gemeinsamen Gespräch vereint und damit einen Weg aus dem Schisma gewiesen.
„Und der Dialog hat es erlaubt, voranzukommen“, erklärte Aveline. Auch heute führe nur der Dialog weiter: „Dafür muss man respektieren, versuchen zu verstehen und wissen, warum man das festhält, was man festhält.“
Beraten werden soll das Thema Liturgie auch beim Konsistorium, das Papst Leo XIV. für Ende Juni einberufen hat. Aveline rechnet damit, dass auch die geplanten Bischofsweihen Piusbruderschaft dort auf der Tagesordnung stehen.
