„Da verliere ich den Glauben“: Kardinal Schönborn über Studienzeit in Deutschland
In einem Interview hat Kardinal Christoph Schönborn OP auf seine Studienzeit im Deutschland der 1960er Jahre zurückgeblickt und konstatiert, „da verliere ich den Glauben“.
Das Forum-Magazin, eine Publikation der katholischen Kirche im Schweizer Kanton Zürich, zitierte zunächst aus einer Predigt von Schönborn, in der er sagte: „Lieber Helmut, wenn Du über die Zeit nach dem Konzil sprichst, habe ich manchmal das Gefühl, dass wir in zwei verschiedenen Kirchenwelten gelebt haben. Für Dich war die Zeit nach dem Konzil ein Aufbruch, der im Sprung gehemmt wurde. Ich habe diese Zeit als junger Dominikaner als einen dramatischen Abbruch erlebt.“
Der Kardinal und emeritierte Erzbischof von Wien präzisierte daraufhin, dies habe sich „bereits 1967 in Deutschland“ begonnen, „also ganz am Anfang meines Theologiestudiums. Ich habe fassungslos erlebt, was da vertreten wurde – zum Teil fasziniert, und zum Teil auch den Boden unter den Füssen verlierend.“
Nach einem Beispiel gefragt, sagte Schönborn: „Die Rede von Jesus als Sohn Gottes: Man müsse das in den mythologischen Kontext der damaligen Zeit stellen, hiess es da. Oder die Auferstehung, also das mit dem leeren Grab: Das sei ja nicht entscheidend, vielmehr nur, dass die Sache Jesu weitergegangen sei. Das war die Bultmann-Schule, die da bei uns an der Uni in Köln massiv ausgebrochen war.“
„Für mich war das eine radikale Infragestellung dessen, was ich als junger Christ, als begeisterter Ministrant in meiner Pfarrei und von meinem persönlichen Glaubensweg her mitgebracht hatte“, erinnerte sich Schönborn, der 1963 in den Dominikanerorden eingetreten war.
„Zunächst sagte ich meinen Oberen: Ich kann mit dieser Situation in Deutschland nicht leben, da verliere ich den Glauben“, erklärte der Kardinal. „Ich durfte nach Frankreich gehen zum Weiterstudium, kam voller Hoffnung dort an – und prompt in das Jahr 1968. Der grosse Umbruch. Ich habe erlebt, wie innerhalb von zwei oder drei Jahren praktisch alle Priesterseminare im Land geschlossen wurden. Es war radikal das, was ich in Deutschland bereits intellektuell mitbekommen hatte. In Frankreich habe ich es existenziell erlebt.“
„Die Krise war, dass mir die existenziellen und theologischen Grundlagen meines Glaubens weggeschwommen sind“, führte er aus. „Und dass ich sie – das sage ich ganz unverblümt – im Christsein eines Hans Küng zum Beispiel nicht mehr gefunden habe.“ Bei Joseph Ratzinger hingegen, dem späteren Papst Benedikt XVI., habe er „gefunden, dass die Tradition und die Lebendigkeit der Gegenwart kein Widerspruch sind“.
In Paris habe man im Rahmen eines kleinen Freundeskreises begonnen, sich „intensiv in die Kirchenväter zu stürzen – es war eine Disclosure, da hat sich eine Welt aufgetan. Wir fanden zu den grossen theologischen Meistern: zu Henri de Lubac, zu Yves Congar, bei dem ich studiert habe und dessen persönlicher Krankenpfleger ich sogar eine Zeit lang war. Etwas später entdeckten wir Joseph Ratzinger, die Lektüre von Hans Urs von Balthasar und viele andere – aber vor allem natürlich die Kirchenväter selbst. Es war die Entdeckung einer durchaus nicht traditionalistischen, sondern sehr vitalen, sehr lebendigen theologischen Welt, in der wir aufgeatmet haben.“
Später kam Schönborn nach Fribourg in der Schweiz, wo er zeitversetzt erneut das Phänomen des Abbruchs erlebte, das er 2023 in der Predigt ansprach: „Ich habe gedacht, das darf nicht wahr sein. Das haben wir doch vor zehn Jahren schon in Deutschland erlebt. Dann habe ich es vor einigen Jahren in Frankreich erlebt. Und jetzt kommt es in der Schweiz an, zeitverzögert.“
Schönborn lehrte ab Mitte der 1970er Jahre bis 1991 in Fribourg. Ende der 1980er und Anfang der 1990er war er Sekretär jener vatikanischen Kommission, die den Text des Katechismus der Katholischen Kirche ausarbeitete. Schließlich wurde Schönborn 1991 Weihbischof für das Erzbistum Wien, 1995 Erzbischof von Wien und 1998 Kardinal. Papst Franziskus nahm Anfang 2025, pünktlich zum 80. Geburtstag, den Rücktritt von Kardinal Schönborn an.
