Wie eine katholische Frau in Afrika zehntausende Waisenkinder rettete
In einer Kapelle in Burundi im Jahr 1993, nachdem sie miterlebt hatte, wie 72 ihrer Freunde, Familienangehörigen und Kollegen hingerichtet wurden, sagte Marguerite Barankitse zu Gott, sie glaube nicht mehr daran, dass er Liebe sei.
„Wie konnte Gott diese Mörder erschaffen?“, hatte sie unter Tränen gefragt, wie sie sich gegenüber EWTN News, dem Nachrichtenpartner von CNA Deutsch, erinnerte. Als Massenmorde und ethnische Gewalt ihr Heimatland nach einem Staatsstreich zerrissen, floh Barankitse mit 25 Kindern, sowohl Hutu als auch Tutsi, an den sichersten Ort, den sie sich vorstellen konnte – eine katholische Kirche.
Doch ihr Glaube war ins Wanken geraten. „Ich fühlte mich gebrochen“, erzählte sie. „Nachdem ich fortwährende Massaker und den Tod meiner Freunde und meiner Familie miterlebt hatte, verlor ich meine Stimme und meinen Lebensmut.“
„Ich sagte Gott, dass ich nicht mehr daran glaubte, dass er Liebe sei, weil ich nicht verstehen konnte, wie er solchen Hass und solche Mörder erschaffen haben konnte“, sagte sie.
Dann hörte sie die Stimme eines kleinen Mädchens – eines der ersten Kinder, die sie gerettet hatte. „Wir sind noch am Leben“, sagte die kleine Chloe. „Wir sind hier.“
„In diesem Moment wurde mir wieder bewusst und ich sah, dass Gott Liebe ist“, sagte Barankitse. Sie betete um die Kraft, „hinzugehen und in seiner Herrlichkeit zu leuchten“. Sie wusste nun, „dass Gott mich nicht verlassen hatte“.
Dies war indes nicht der einzige Moment, der Barankitses Glauben bis ins Mark erschütterte. Im Laufe der Jahre sollte sie noch mehr Gewalt und Tod erleben. Doch dieser Moment sollte für sie prägend werden.
Ausgehend von den 25 Kindern, die sie vor dem Tod bewahrte, rettete und zog sie im weiteren Verlauf Zehntausende von Kindern auf und gründete schließlich offiziell eine Organisation namens Maison Shalom. Die Organisation sorgte nicht nur für die praktischen Bedürfnisse der Kinder wie Unterkunft, Bildung und Gesundheitsversorgung. Barankitse wollte ihnen auch beibringen, über ethnische Grenzen hinweg zu lieben und zu vergeben. Es waren die Kinder, die sich den Namen ausgedacht hatten.
„Wir wählten den Namen ‚Shalom‘, weil meine Kinder im Radio gehört hatten, dass Shalom Frieden bedeutet, und das ist unser Traum“, erklärte sie. „Von Anfang an war Maison Shalom mehr als nur eine Unterkunft – es war eine Gemeinschaft, in der jedes Kind einen Platz finden konnte, unabhängig von seiner ethnischen Zugehörigkeit.“
Barankitse hatte die Zerstörung durch Hass am eigenen Leib erlebt und wollte diesen Kreislauf durchbrechen. Hass zerstöre „nicht nur seine Opfer, sondern auch diejenigen, die ihn in sich tragen“. Es seien „nicht ganze ethnische Gruppen, die einander hassen; es sind Einzelpersonen, die sich für den Hass entscheiden“, betonte sie. „Ich weigerte mich, diese Entscheidung zu treffen.“
„Ich fragte mich: Was könnte ich tun, um Kinder großzuziehen, die diesen Kreislauf durchbrechen würden?“, fuhr Barankitse fort. „Meine Antwort war, Kinder mit Mitgefühl, Vergebung und Liebe großzuziehen.“
„Meine Strategie war schon immer die Liebe, denn Liebe ist schöpferisch und verwandelnd“, so Barankitse. „Durch diese Liebe entscheide ich mich dafür, auf Gewalt mit Mitgefühl, Schutz und Versöhnung zu reagieren.“
„Die Liebe hat mich zur Erfinderin gemacht, und ich habe versucht, eine Gemeinschaft aufzubauen, die von Mitgefühl durchdrungen ist“, erklärte sie. „Vergebung, wie sie von der Kirche gelehrt wird, ist radikal – sie fordert uns auf, den Kreislauf von Rache und Hass zu durchbrechen, selbst wenn er gerechtfertigt erscheint.“ Liebe sei „nicht nur ein Gefühl; sie ist eine Kraft, die aus den Trümmern des Krieges eine Zukunft aufbaut“.
„Und ich weiß, dass ich niemals aufgeben darf, denn die Kinder, denen ich helfe, geben mir die Kraft und den Mut, immer wieder aufzustehen – ihre Widerstandsfähigkeit inspiriert mich jeden Tag“, sagte Barankitse.
Zu Fuß durch Kriegsgebiete
Barankitse durchquerte Kriegsgebiete, um Waisenkinder zu retten – selbst solche, die andere für nicht rettenswert hielten. „Während die brutale Gewalt und das Töten weitergingen, kämpfte ich für die Sicherheit dieser Kinder“, sagte sie. „Immer mehr Kinder fanden bei mir Zuflucht.“
„Ich ging direkt in Kriegsgebiete und holte Kinder aus den Leichenbergen heraus, weil diese Kinder die Chance verdienten, zu leben, mit Würde behandelt zu werden und Frieden zu schaffen“, führte sie aus. Sie kämpfte für diejenigen, von denen andere dachten, sie seien es nicht wert, gerettet zu werden.
„Eines Tages stieß ich auf eine Mutter, die bei einem Granatenangriff getötet worden war, während ihr vier Monate altes Baby auf dem Rücken festgeschnallt war“, erinnerte sie sich. „Das Baby war schwer verletzt, und die Leute sagten mir, ich solle es zurücklassen, aber ich wusste, dass ich nicht aufgeben durfte.“ So entschied sie sich, „ihn zu beschützen und medizinische Hilfe für ihn zu suchen“.
Trotz seiner Verletzungen überlebte das vier Monate alte Baby: „Ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass er überlebt hat und zu einem erfolgreichen jungen Mann herangewachsen ist.“
Barankitse erinnerte sich an einen weiteren erschütternden Moment, als sie darum kämpfen musste, medizinische Hilfe für ein Kind zu bekommen, das eine tiefe Schnittwunde am Hals hatte. Sie brachte das Kind zum Flughafen, um es in ein Krankenhaus zu bringen, das es behandeln konnte – doch andere Passagiere „wollten mich wegen ihres Zustands nicht an Bord lassen“.
„Sie hatten Angst“, so Barankitse. „Ich sagte: ‚Nein, ihr habt kein Mitgefühl. Ihr werdet mir helfen.‘“ Am Ende „hörten sie auf mich und ließen mich ins Flugzeug, wobei sie einen Vorhang zwischen mich, das Kind und die anderen Passagiere zogen“.
Das kleine Mädchen überlebte. Heute ist sie verheiratet und hat selbst zwei Kinder. „Manchmal bedeutet Liebe, sich stark für diejenigen einzusetzen, die Hilfe brauchen“, sagte Barankitse. „Niemand kann die Liebe aufhalten, und sie ist bis heute mein Weg, stark gegen Gewalt und Hass zu bleiben.“
Barankitse durchlebte 1996 eine weitere „tiefe spirituelle Krise“, nachdem sie bei einer neuen Welle von Morden den Tod einer ihrer besten Freundinnen miterlebt hatte.
„Ich verbrachte einen Monat im Gebet und kehrte demütig zurück, in der Erkenntnis, dass ich nur ein kleines Werkzeug in Gottes Händen bin“, sagte sie. „Deshalb bete ich weiterhin zu Gott, dass er mir genug Kraft gibt, sein Werk fortzusetzen.“
„Der Glaube schützt dich nicht vor dem Leiden; er begleitet dich hindurch“, erklärte Barankitse. „Meine Kraft kommt aus meinem Glauben und von den Kindern selbst.“
„Schon als Kind war ich von Gewalt betroffen und träumte davon, Lehrerin zu werden, um die Welt zu verändern, indem ich Kindern Mitgefühl und Liebe beibringe,“ führte sie aus. „Während meiner ganzen Kindheit lehrte mich meine Mutter, dass Gott Liebe ist und dass er uns Kraft gibt, wenn er uns erschafft.“
Glaube inmitten von Gewalt
Selbst nachdem sie 2015 aufgrund von Gewaltandrohungen aus ihrer Heimat vertrieben wurde, setzte Barankitse ihre Arbeit fort und verließ sich dabei auf ihren Glauben als Antrieb. Sie verließ Burundi und ging nach Ruanda, wo sie „Oasis of Peace“ gründete, eine Einrichtung, die mehr als 70.000 burundische Flüchtlinge versorgte.
„Mein Glaube hat mich gelehrt, dass wir in Liebe geschaffen sind und dass Gott uns genug Kraft gibt – ‚Fürchtet euch nicht, ich bin bei euch bis zum Ende der Welt‘“, sagte Barankitse. „Darin habe ich mein Lächeln und meine Freude gefunden, selbst in den dunkelsten Momenten.“
Barankitses Arbeit gründet sich auf ihren katholischen Glauben: „Christ zu sein bedeutet nicht nur, in die Kirche zu gehen und zu beten; es bedeutet, jedem Menschen seine Würde zurückzugeben.“
„Man kann jemandem Essen oder Kleidung geben, aber wenn ihm die Würde fehlt, hat er nichts“, hielt sie fest. „Indem ich den Menschen um mich herum meine Liebe zeige, versuche ich, allen ihre Würde zurückzugeben – indem ich mich dafür entscheide, in jedem Menschen das Menschliche zu sehen, selbst in denen, die einen am meisten verletzt haben.“
„So schaffe ich eine Zukunft, in der kein Kind so leiden muss, wie es meine Familie und meine Freunde mussten“, sagte sie. „Der Hass wird niemals das letzte Wort haben. Nicht solange wir Liebe praktizieren.“
Die Lehre der katholischen Kirche sage, „dass jeder Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen ist und Ehrfurcht und Liebe verdient“, und dies sei „die Grundlage für meine gesamte Arbeit“.
„Oasis of Peace“ biete Beratung für Opfer von Folter und Vergewaltigung sowie Bildung, Berufsausbildungen und eine Mikrofinanzierung an, „damit Familien ihr Leben in Würde wiederaufbauen können“. Zudem gibt es Bildungsangebote für Kinder. Die kürzlich ins Leben gerufene Initiative „École Sainte-Anne de Kigali“ trage dazu bei, „Kinder aus benachteiligten und privilegierteren Verhältnissen in einem gemeinsamen Raum des Lernens, des Wachstums und der Würde zusammenzubringen“.
„Wenn ich ein Kind sehe, das durch Gewalt zu einem Waisenkind geworden ist, sehe ich ein Kind Gottes. Wenn ich eine Frau treffe, die eine Vergewaltigung überlebt hat, sehe ich einen Menschen von unendlichem Wert“, sagte Barankitse. „Ich glaube daran, Unterschiede zu feiern, denn das erinnert uns daran, dass wir alle einzigartig geschaffen sind. Wir alle verdienen es, Liebe, Mitgefühl und Würde zu erfahren.“
Barankitse setzt ihre Arbeit fort, baut „Oasis of Peace“ weiter aus und spricht international über ihre Geschichte und die Bedürfnisse der Menschen, denen sie hilft: „Jeder Tag ist ausgefüllt und sinnvoll.“
Ihre Hoffnung sei es, „meine Geschichte und die Geschichten von Maison Shalom weiter zu teilen und andere zu inspirieren, indem ich ihnen die Kraft der Liebe zeige. Ich verbringe meine Tage damit, zuzuhören, zu organisieren und mit denen zu träumen, denen ich diene.“
„Mein Traum ist es, überall Shalom-Häuser zu schaffen, damit jeder Mensch weiß, dass er dazugehört“, sagte sie. Auf die Frage, welche Botschaft sie vermitteln wolle, antwortete Barankitse: „Gib nicht auf.“
„Die Welt kann dir Dinge zeigen, die dich verzweifeln lassen – ich habe sie gesehen“, erklärte sie. „Ich musste mit ansehen, wie Freunde ermordet wurden, habe verstümmelte Kinder im Arm gehalten und bin als Flüchtling aus meinem Land geflohen. Und doch glaube ich immer noch, dass die Liebe stärker ist.“
Übersetzt und redigiert aus dem Original von EWTN News, dem englischsprachigen Nachrichtenpartner von CNA Deutsch.
