„Hier kommen so viele verwundete Menschenleben an“: Papst Leo auf Gran Canaria
Für Menschen in Deutschland ist Gran Canaria besonders als Urlaubsinsel bekannt, aber für Papst Leo XIV. steht sein Besuch am heutigen Donnerstag im Zeichen der Migration. Bei einer Begegnung mit den Vertretern der Aufnahmeeinrichtungen für Migranten sagte der Pontifex: „Hier kommen so viele verwundete Menschenleben an, denen fast alles genommen wurde, aber niemals ihre Würde.“
„Hier reißt uns das Evangelium aus der bequemen Rolle des Zuschauers heraus und stellt uns vor den Bruder, der ankommt“, fuhr er fort. „Es fragt uns, ob wir Christus in denen erkannt haben, die voller Angst, Hunger und Gewalt an Land gehen, nach der Wüste, der Nacht und dem Meer.“
Angesichts der Migration aus afrikanischen Ländern über den Atlantik – die immer wieder auch Todesopfer fordert – dürfe die Kirche „sich weder von diesen Gewässern abwenden noch von irgendeinem Ort, an dem Hunger, Durst, Gewalt, Angst oder Exil weiterhin die Menschenwürde verletzen. Die Jünger Jesu dürfen den Schrei derer, die aus der Nacht heraus rufen, nicht als ihnen fremd betrachten.“
Es gebe „Ungeheuer“ auf den Meeren, so Leo, nämlich „mafiöse Organisationen, die mit der Verzweiflung arbeiten, Menschenhändler, die Frauen und Kinder versklaven und die Gleichgültigkeit vieler, die zulassen, dass die Armen von Ausbeutung oder Vergessenheit verschlungen werden“.
Der Papst wandte sich an verschiedene Personen, die ihr Zeugnis abgelegt hatten. So sagte er einer Frau namens Blessing: „Du hast uns erzählt, dass du dein Land nicht verlassen hast, weil du es wolltest, sondern weil es keine andere Wahl gab.“
„Ich möchte, dass diese Botschaft dich und so viele Frauen erreicht, die Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung geworden sind“, fügte er dann hinzu. „Auch wenn andere deinem Körper einen Preis auferlegt haben, hat Gott nie aufgehört, dich als etwas Unbezahlbares anzusehen. Auch wenn sie dich in einer Vergangenheit des Schmerzes gefangen halten wollten, verkündet Gott weiterhin ein Versprechen der Zukunft über dich. Auch wenn man dich wie einen Gegenstand behandelt hat, möchte die Kirche dir heute sagen: Du bist eine Tochter und eine Schwester, du bist ein Segen.“
„Dein Leben gehört nicht denen, die dir Schaden zugefügt haben; dein Körper gehört nicht denen, die dich ausgenutzt haben; deine Tage gehören nicht denen, die sie an die Angst ketten wollten“, bekräftige Leo. „Dein Leben gehört Gott und bewahrt eine Würde, die dir niemand nehmen kann. Und wir wollen mit dir gehen, bis diese Wahrheit sich wieder stärker anfühlt als der Schmerz.“
Allgemein wandte er sich an die Migranten mit den Worten: „Bevor ich euch noch ein weiteres Wort sage, möchte ich mich vor eurer Würde verneigen. Ihr seid keine Zahlen und keine Aktennummern. Ihr seid Menschen mit einer Familie und einem Zuhause, das ihr zurückgelassen habt; mit Träumen, die niemand das Recht hat, zu missachten. Aber ich möchte euch auch sagen, dass euer Leben geschützt werden muss. Überlasst eure Existenz nicht denen, die damit Handel treiben. Glaubt nicht denen, die euch ein leichtes Paradies im Tausch für euren Körper, euer Geld, euer Schweigen oder eure Freiheit versprechen. Diese falschen Versprechungen sind ‚Sirenengesänge‘, sie sind Gewerbe des Todes.“
Leo rief zu einer „Gewissensprüfung“, auf, und zwar „für die Herkunftsländer, die Bedingungen für Frieden, Gerechtigkeit und Entwicklung schaffen müssen; für die Transitländer, die dazu aufgerufen sind, die Schwachen zu schützen und sie nicht in die Hände krimineller Netzwerke zu überlassen; für Europa, das nicht die Menschenwürde proklamieren kann und sich dabei nicht daran gewöhnen darf, dass das Mittelmeer und der Atlantik zu Friedhöfen ohne Grabsteine werden; für die internationale Gemeinschaft, die zu einer wirksamen und beharrlichen Zusammenarbeit aufgerufen ist“.
„Auch die Kirche muss sich dieser Frage stellen“, mahnte der Pontifex. „Die Aufnahme von Migranten darf weder eine Nebensache sein noch allein einigen Freiwilligen überlassen werden. Wir knien vor dem Altar nieder, um Christus in der Eucharistie anzubeten, von dem wir die Kraft und den Antrieb erhalten, die Nächstenliebe zu leben; deshalb dürfen wir später nicht an den kleinen Booten und Beibooten ‚vorübergehen‘, denn aus dem Gebet entspringt jeder Dienst und zu ihm kehrt jeder Einsatz zurück.“
„Es reicht nicht aus, Ankünfte zu verwalten, Zahlen zu verteilen, Grenzen verstärkt zu sichern oder Todesfälle zu beklagen, wenn sie bereits eingetreten sind“, sagte Papst Leo. „Jedes Boot, das ankommt, bringt nicht nur Migranten mit sich; es bringt eine Frage mit sich: Welche Welt haben wir geschaffen, wenn so viele Brüder und Schwestern den Tod riskieren müssen, um Leben zu suchen?“
Gegen Ende seiner Ansprache stellte Leo klar: „So wie es das Recht gibt, Zuflucht zu suchen, wenn das Leben bedroht ist, gibt es auch das Recht, nicht auswandern zu müssen: das Recht, in der eigenen Heimat zu bleiben, ohne Hunger, ohne Krieg, ohne Verfolgung, ohne Gewalt, ohne dass das Land unbewohnbar wird, ohne dass Korruption den Armen das Brot raubt, ohne dass Waffen die Zukunft der Kinder zerstören. Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, Tote zu zählen.“
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