Das Konzil von Nizäa bildet den Anfang einer beeindruckenden Geschichte: Heute werden 21 Konzilien bis hin zum Zweiten Vatikanischen Konzil von der Katholischen Kirche anerkannt. Das sagte Dominik Heringer, der Lehrstuhlinhaber für Kirchengeschichte an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT). In diesem Jahr feiert das erste allgemeine Konzil sein 1.700-jähriges Jubiläum.
Aus diesem Anlass veranstaltete die KHKT eine Fachtagung, an der sich sechs Lehrstuhlinhaber der katholischen Theologie aus Deutschland und Österreich beteiligten. Nach der Beendigung der Verfolgungszeit durch den römischen Kaiser Konstantin ab 313 eskalierte der Streit um die Gottessohnschaft Jesu. Für den Priester Arius aus Alexandria war der „wahre Gott“ allein der Vater. Dieser machte sich ein in der griechischen Philosophie vorhandenes Denkmodell zu Nutze und übertrug es auf die Christologie. Damit fand er Zuspruch. Kaiser Konstantin sah durch den sich ausbreitenden Streit die Einheit des römischen Reiches in Gefahr.
Deshalb lud er die Bischöfe im Jahr 325 zum ersten ökumenischen Konzil nach Nizäa ein. Dort zeigten sich drei Richtungen: engagierte Befürworter und Gegner des Arianismus sowie eine große Gruppe noch Unentschlossener. „Und obwohl Arius, der ja kein Bischof war, auf ausdrücklichen Wunsch Konstantins am Konzil teilnahm, dürfen wir feststellen, dass die arianische Position über Christus außer von ihm nur von ganz wenigen Konzilsvätern vertreten wurde“, sagte Heringer.
Für Jan-Heiner Tück, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Wien, ist das Nizäa-Jubiläum „ein ökumenisches Ereignis allerersten Ranges“. Ist Jesus Christus Gottes Sohn? Oder ist er ein göttlicher Mensch, ein sittliches Vorbild, ein Lehrer der Menschlichkeit? Das einzige ökumenische Glaubensbekenntnis, heute das „Große“ genannt, entstand auf Grundlage des Konzils von Nizäa und gibt darauf eine klare Antwort: Jesus Christus ist „wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen“.
Das klingt nach einer heute ungewohnten Formel, besitzt aber in jeder Aussage eine große Aussagetiefe. Das Konzil von Nizäa im Jahr 325 hat die Weichenstellung getroffen, die Konzilien von Konstantinopel 381 und von Chalkedon 451 haben die Lehre fortgeschrieben: Vater und Sohn und Heiliger Geist sind gleichermaßen Gott.
Tück erklärte: „Nachdem die Mehrheit der Synodalen eine von den Arianern vorgeschlagene Glaubensformel abgelehnt hat, proklamiert das Konzil ein Glaubensbekenntnis, in das vier Präzisierungen eingefügt werden.“ Es verabschiedet eine antiarianische Verurteilungsformel und belegt diejenigen mit dem Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft (Anathema), die sich nicht belehren lassen wollen.
Für Tück wird dadurch, dass Vater und Sohn wesensgleich sind, der griechische Gottesbegriff mit griechischen Denkmitteln aufgesprengt und „auf den biblischen Satz ‚Gott ist Liebe‘ hin geöffnet. Nizäa hält fest, dass es zum Wesen Gottes gehört, Beziehung zu sein.“ Gott sei eben kein beziehungsloses Neutrum, sondern als menschenzugewandter Gott zu verstehen. Die biblische Aussage „Gott ist Liebe“ (1 Joh 4,8.16) habe durch die Lehre von Nizäa eine erste begriffliche Fassung gefunden.
Joseph Ratzinger habe von einer Revolution im Gottesbegriff gesprochen. Tück drückte sich vorsichtiger aus und bevorzugte den Begriff „Transformation“: „Die Gründe dafür, dass viele Juden zu glauben begannen, dass Jesus göttlich ist, lagen darin, dass sie bereits erwarteten, dass der Messias/Christus ein Gott-Mensch sein würde. Diese Erwartung war ein wesentlicher Bestandteil der jüdischen Tradition.“
Dem Wiener Theologen war es ein Anliegen, den „Moment der Kontinuität zu den jüdischen Wurzeln“ zu betonen. „Gott ist ein Gott in Beziehung von Vater und Sohn. Das knüpft auch an Aussagen des hellenistischen Judentums an.“ Eine Barriere zwischen Juden- und Christentum bilden sowohl der Glaube an die Menschwerdung Gottes in Jesus als auch die Trinitätslehre.
Tück wies trotz des insgesamt kirchengeschichtlich großen Erfolgs des Konzils auf drei Problemkreise in Nizäa hin: auf die Festlegung des Ostertermins, die Rolle von Kaiser Konstantin sowie eine Auslassung im nizänischen Bekenntnis, das von der Bundesgeschichte Gottes mit Israel schweigt.
Der Ostertermin verursacht bis heute Uneinigkeit im Christentum. In Nizäa ging es um die Frage, ob man sich am jüdischen Festkalender orientiert oder ob man Ostern grundsätzlich am Herrentag feiert, wie es römische Praxis war. Tatsächlich wurde entschieden, den Termin des Osterfestes vom jüdischen Kalender abzukoppeln, also Ostern und Pascha nicht mehr termingleich feiern, berichtete Tück. „Es handelt sich um eine Weichenstellung, die tief in die Kultur der beiden Glaubensgemeinschaften eingreift und sie auseinandertreibt, als hätten beide Feste nichts miteinander zu tun.“ Das Zeichen für die Einheit der Kirche sei auf Kosten ihrer jüdischen Wurzeln gegangen.
Athanasius von Alexandria (ca. 296–373) gilt als eine der zentralen Figuren der frühen Kirchengeschichte und als Vater der Orthodoxie. Er spielte eine entscheidende Rolle bei der Verteidigung der Lehre gegen den Arianismus. Dafür musste er Verfolgungen und Verbannungen ertragen. Mehr als sieben Jahre lebte er in Verbannung, davon zwei Jahre in der damaligen Kaiserstadt Trier. Nie wehrte er sich gewaltsam.
Jahrhunderte später erhielt seine damalige Haltung neue Bedeutung in Europa. Der katholische Intellektuelle und Publizist Joseph Görres (1776 bis 1848) veröffentlichte im Jahr 1838 eine Streitschrift unter dem Titel „Athanasius“. Damit reagierte er auf die Verhaftung des Kölner Erzbischofs Droste-Vischering durch die preußische Regierung, die unter dem Stichwort „Kölner Ereignis“ den Beginn des darauf folgenden Kulturkampfes zwischen katholischer Kirche und Staat ankündigte. Der Titel „Athanasius“ sprach quasi für sich, sagte Claus Arnold, Kirchenhistoriker an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Eine unpassende Analogie, wie der Kirchenhistoriker auf der KHKT-Tagung bemerkte. „Athanasius wandte sich nicht grundsätzlich gegen das Eingreifen der römischen Kaiser. Die Kirchenfreiheitsforderungen des 19. Jahrhunderts lagen außerhalb seines Horizontes.“
Auch John Henry Newman, einst übergetreten von der anglikanischen zur katholischen Kirche, dann Kardinal und seit wenigen Wochen zum Kirchenlehrer erhoben, ließ sich von Athanasius inspirieren. Das sah der Kirchenhistoriker nicht unkritisch und fand, dass Newman seine eigenen Problemlagen als Reformer der Kirche von England auf die Arianer projizierte. Legendär und davon unberührt bleibt allerdings die eher rhetorisch gemeinte Frage Newmans: „Würden der heilige Athanasius oder der heilige Ambrosius plötzlich wieder zum Leben erwachen, bestünde kein Zweifel daran, welche Glaubensgemeinschaft sie als ihre eigene betrachten würden.“ Für Newman war die Antwort eindeutig und führte zu seiner Konversion zur katholischen Kirche.
