In seiner ersten großen Ansprache auf türkischem Boden hat Papst Leo XIV. unterstrichen, das Land sei „untrennbar mit den Ursprüngen des Christentums verbunden“. Die Christen seien „Teil der türkischen Identität“. Der Pontifex sprach am Donnerstagnachmittag in Ankara vor Vertretern des Staates und der Zivilgesellschaft sowie dem Diplomatischen Korps. Die erste Auslandsreise von Leo führt ihn in die Türkei und anschließend in den Libanon.
Nach der Landung in Ankara und der offiziellen Begrüßung hatte er das Mausoleum des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk besucht. Es folgte eine weitere Willkommenszeremonie, diesmal im Präsidentenpalast, und eine persönliche Begegnung mit Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenDer Pontifex kam wiederholt auf das Bild der Brücke zu sprechen, konkret auf jene „über die Meerenge der Dardanellen“. So sagte er: „Sie nehmen einen wichtigen Platz in der Gegenwart und Zukunft des Mittelmeerraums und der ganzen Welt ein, vor allem, weil Sie Ihre inneren Unterschiede zur Geltung kommen lassen. Bevor sie Asien und Europa, den Osten und den Westen verbindet, verbindet diese Brücke die Türkei mit sich selbst, sie verbindet ihre Teile und macht sie sozusagen von innen heraus zu einem Begegnungsort verschiedener Empfindungsweisen, deren Vereinheitlichung eine Verarmung darstellen würde.“
„Eine Gesellschaft ist nämlich dann lebendig, wenn sie plural ist“, zeigte sich Papst Leo überzeugt. „Es sind die Brücken zwischen ihren verschiedenen Seelen, die sie zu einer Zivilgesellschaft machen. Heute sind die menschlichen Gemeinschaften zunehmend polarisiert und durch extreme Positionen gespalten, die sie zersplittern lassen.“
Später ging Leo erneut auf das Bild der Brücke ein, jedoch unter einem anderen Blickwinkel. Gott habe nämlich „mit seiner Offenbarung eine Brücke zwischen Himmel und Erde geschlagen: Er hat dies getan, damit sich unser Herz wandelt und seinem Herzen ähnlich wird. Es ist eine großartige Hängebrücke, die fast die Gesetze der Physik herausfordert: So ist die Liebe, die über ihre vertraute und private Dimension hinaus auch eine sichtbare und öffentliche Dimension hat.“
In der Türkei spiele die Religion „eine sichtbare Rolle“, fuhr der Papst fort. Dabei sei es „von grundlegender Bedeutung, die Würde und Freiheit aller Kinder Gottes zu achten: von Männern und Frauen, Landsleuten und Ausländern, Armen und Reichen. Wir alle sind Kinder Gottes, und das hat persönliche, soziale und politische Konsequenzen. Wer ein dem Willen Gottes ergebenes Herz hat, wird sich immer für das Gemeinwohl und die Achtung aller einsetzen.“
„Selbst künstliche Intelligenzen reproduzieren unsere Vorlieben und beschleunigen Prozesse, die, genau betrachtet, nicht von Maschinen, sondern von der Menschheit selbst in Gang gesetzt wurden“, warnte der Pontifex. „Arbeiten wir daher gemeinsam daran, den Kurs der Entwicklung zu ändern und die Schäden zu beheben, die der Einheit der Menschheitsfamilie bereits zugefügt wurden.“
Der Begriff der „Menschheitsfamilie“ lade dazu ein, „eine Verbindung – ebenfalls wieder eine Brücke – zwischen dem Schicksal aller und der Erfahrung jedes Einzelnen herzustellen. Für jeden von uns war die Familie nämlich die erste Einheit des Soziallebens, in der wir erfahren haben, dass es ohne den anderen kein ‚Ich‘ gibt. Mehr als in anderen Ländern ist die Familie in der türkischen Kultur von großer Bedeutung, und es mangelt nicht an Initiativen, um ihre zentrale Rolle zu unterstützen.“
Weder eine „individualistische Kultur“ noch eine „Geringschätzung von Ehe und Fruchtbarkeit“ könnten „den Menschen mehr Lebensmöglichkeiten und Glück“ bieten. Ausdrücklich hob Leo den „Beitrag der Frau“ zu Familie und Gesellschaft hervor.
Papst Leo erinnerte an vorausgegangen Papstreisen in die Türkei, die davon zeugten, „dass der Heilige Stuhl nicht nur gute Beziehungen zur Republik Türkei unterhält, sondern auch daran interessiert ist, gemeinsam mit diesem Land, das eine Brücke zwischen Ost und West, zwischen Asien und Europa und einen Kreuzungspunkt der Kulturen und Religionen darstellt, an einer besseren Welt mitzuwirken. Der Anlass dieser Reise, der 1700. Jahrestag des Konzils von Nizäa, steht ganz im Zeichen der Begegnung und des Dialogs, ebenso wie die Tatsache, dass die ersten acht ökumenischen Konzilien auf dem Gebiet der heutigen Türkei stattfanden.“
„Der Heilige Stuhl möchte mit seiner einzigen Kraft, nämlich der geistlichen und moralischen, mit allen Nationen zusammenarbeiten, denen die ganzheitliche Entwicklung aller Menschen, aller Männer und Frauen, am Herzen liegt“, bekräftigte der Papst. „Lassen Sie uns also gemeinsam in Wahrheit und Freundschaft weitergehen und demütig auf Gottes Hilfe vertrauen.“
Papst Leo reist nach Istanbul – das historische Konstantinopel und Byzanz – weiter, wo am Freitag die nächsten Programmpunkte anstehen. Ebenfalls am Freitag begibt sich der Pontifex per Hubschrauber für einige Stunden nach İznik, wo vor 1.700 Jahren das Konzil von Nizäa stattfand. Das Jubiläum ist der eigentliche Anlass dieser Papstreise.
EWTN überträgt die öffentlichen Programmpunkte der Reise von Papst Leo XIV. in die Türkei und in den Libanon live im Fernsehen und im Internet.
